Patti Smith: »Traumsammlerin«

In klaren, besonderen Nächten sah ich manchmal Bewegung im Gras. Zuerst hielt ich es für die Schwingen einer Schleiereule oder die großen bleichen Flügel einer Motte, die sich ausbreiteten und zusammenlegten wie eine mittelalterliche Kutte. Eines Nachts aber begriff ich, dass es Leute waren, wie ich sie noch nie gesehen hatte, mit merkwürdig altertümlichen Kopfbedeckungen und Kleidern.

Patti Smith wird von Kritikern gern als Ikone bezeichnet, als Ikone der Rockmusik, als Ikone des Feminismus, als »Godmother of Punk« oder als eine der wichtigsten Künstlerinnen des 21. Jahrhunderts. Das ist sie auch alles. Sie ist Musikerin, Malerin, Fotografin und noch viel mehr, aber vor allem ist sie eine großartige Geschichtenerzählerin. Und sie hatte eine – wie man ebenfalls gern sagt – normale Kindheit.

In »Traumsammlerin« erzählt sie uns von dieser Kindheit. Von gemeinsamen Ausflügen mit ihren Geschwistern in die umliegende Wildnis, von geheimnisvollen weisen Nachbarn, von geliebten Menschen und Haustieren. Die Kindheitserinnerungen sind immer wieder unterbrochen von Episoden aus ihrem späteren Leben, von Reisen und auch ganz Alltäglichem. Ein immer wieder kehrendes Bild sind jedoch die Wollsammler, kleine Leute, die nachts über die Wiese huschen, von Menschen weggeworfene Dinge, Gedanken und Erlebnisse einsammeln, um daraus Zauberhaftes zu weben.

Ich war überzeugt, dass sie da waren, die Leute. Hin und wieder hörte ich sie murmeln und pfeifen, wie hinter einer Wand aus Watte. Ich hörte sie, aber ich konnte nie die Sprache bestimmen, die sie benutzten, oder die Melodien, die sie woben.

In Smiths Geschichten verschwimmen dabei stets die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Realität und Vorstellung. Diese Grenzen scheinen für die Autorin auch gar nicht von Bedeutung – im Gegenteil, das Erlebte ist lebendig und groß und somit echt. Träume, Gedanken und Momente werden von Smith aufgelesen und sie spinnt daraus eine wahrhaft magische und zuweilen sehr spirituelle Geschichte. Sie selbst ist zur Wollsammlerin geworden.

Das Bild der Wollsammler auf jener schläfrigen Wiese zog auch mich in den Schlaf. Ich wanderte mit ihnen, durch Disteln und Dornen, und meine einzige Aufgabe war es, flüchtige Gedanken zu retten wie Wollbüschel aus dem Kamm des Windes.

Das Büchlein enthält viele private Fotografien, von Patti Smith selbst aufgenommen, eigene Aufzeichnungen und auch Gedichte. Dadurch bekommen die sehr poetischen und intimen Erzählungen einen noch liebevolleren und wärmeren Klang. Der Leser fühlt sich zurück versetzt in die eigene Kindheit, in eine glückliche Zeit, die nach Sommer klingt und nach Blumen duftet. Eine Zeit, mit der wir selbst so viele Erlebnisse verbinden, dass wir nicht mehr immer genau zwischen Fantasie und Realität unterscheiden können. Deshalb muss man dieses Buch sofort lieb gewinnen. Es ist wie eine Lieblingstasse oder eine alte, verschlissene Jeans, an der so viele Erinnerungen hängen. Es ist eine wunderbare Geschichte von einer großen Geschichtenerzählerin.

traumsammlerin

Traumsammlerin
von Patti Smith

übersetzt von Brigitte Jakobeit

107 Seiten, € 16,99
(gebunden)

ISBN 978-3462045703
erschienen bei Kiepenheuer & Witsch

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