Amélie Nothomb: »Winterreise«

Die Personenkontrolle am Flughafen geht mir auf die Nerven, wie jedem. Es ist mir noch nie gelungen, das verdammte Piepsen nicht auszulösen. So habe ich jedes Mal Anspruch auf das volle Programm, und Männerhände tasten mich von Kopf bis Fuß ab. »Glauben Sie wirklich, dass ich den Flieger in die Luft jagen will?« rutschte es mir einmal heraus.

Frau Nothombs Bücher sind immer wieder aufs Neue so etwas wie eine kleine Offenbarung. Sie sind meistens nicht allzu dick, aber die Ideen, die in ihnen stecken, hauen mich oft schlicht und einfach vom Stuhl.

Diesmal folgende Geschichte: Ein Mann wird aus Liebe zum Terroristen, er will ein Flugzeug entführen, will sich und hunderte unschuldiger Menschen ins Jenseits befördern. Grund dafür: Eine Frau, die er unter nicht ganz alltäglichen Umständen kennen gelernt hat.
Diese Frau – Astrolabe – wohnt mit einer Freundin – Aliénor – zusammen in einer schäbigen und eiskalten Pariser Wohnung. Aliénor leidet unter einer starken Form von Autismus und ist mehr Pflegefall als alles andere. Sie ist aber trotzdessen eine äußerst talentierte Schriftstellerin, und ihre Freundin Astrolabe hat es sich sozusagen zur Lebensaufgabe gemacht, sich für die kranke Mitbewohnerin vollends aufzuopfern. Sie lässt sich deren Geschichten diktieren, sie ist gleichzeitig ihre Managerin und ihre Pflegerin.

»Ich höre unglaubliche Geräusche«, murmelte sie erregt.
»Das ist die Stimme der Sehnsucht.«
»Deine Sehnsucht hört sich an wie eine Spülmaschine.«
»Ja, sie ist multifunktional.«

Für einen Mann ist in dieser Lebensgemeinschaft kein Platz. Astrolabe lässt sich zwar auf Zoile und dessen Annäherungsversuche ein, stellt aber von Anfang an eines klar: Es gibt kein »wir beide allein«, bei jedem ihrer Treffen ist die Anwesenheit der »Irren« unumgänglich …

Ich glaube nicht, dass mich die Mittelmäßigkeit eingeholt hat. Dank einiger Warnsignale ist es mir stets gelungen, in dieser Hinsicht wachsam zu bleiben. Am wirksamsten ist Folgendes: Solange man sich nicht über die Niederlage eines anderen freut, kann man noch in den Spiegel schauen. Sich an fremder Mittelmäßigkeit zu ergötzen ist der Gipfel der Mittelmäßigkeit.

Amélie Nothomb besitzt die beneidenswerte Fähigkeit, auf kleinstem Raum ganz viel zu erzählen. Sie braucht dazu nicht viele Worte, weil das, was sie sagt, einfach immer so schön direkt ist. Auch wenn sie oft mit Details geizt und vieles nur winzig kurz anreißt, verschweigt sie nie etwas. Als Leser hat man das Gefühl, alles zu erfahren, was wichtig ist.
»Winterreise« jedenfalls ist wieder so ein ganz typisches Nothomb-Buch: Kurzweilig, abstoßend und herrlich skurril. Vollbeladen mit Liebe und Gefühlen. Pathetisch. Schmissig geschrieben. Und vor allem bitterböse.

Winterreise
von Amélie Nothomb

übersetzt von Brigitte Große

113 Seiten, € 8,90
(broschiert / kartoniert)

ISBN 978-3257242096
erschienen bei Diogenes


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