Hermann Hesse: »Der Steppenwolf«

Die meisten Menschen wollen nicht eher schwimmen, als bis sie es können. Ist das nicht witzig? Natürlich wollen sie nicht schwimmen! Sie sind ja für den Boden geboren, nicht für´s Wasser. Und natürlich wollen sie nicht denken; sie sind ja für´s Leben geschaffen, nicht für´s Denken! Ja, und wer denkt, wer das Denken zur Hauptsache macht, der kann es darin zwar weit bringen, aber er hat doch eben den Boden mit dem Wasser vertauscht, und einmal wird er ersaufen.

An seinem 50. Geburtstag wird Harry Haller seinem erbärmlichen Leben ein Ende setzen, so sagt er selbst. Diesem Leben, das so rein gar nichts mit dem Leben zu tun hat, wie es seine Zeitgenossen führen. Harry Haller geht nicht auf Bälle und Empfänge, trifft sich nicht mit Freunden und Bekannten. Er ist weder Ehemann noch Vater. Trotz fortgeschrittenem Alter. Von moderner Jazzmusik schmerzt ihm der Kopf und das Haus zu verlassen fällt ihm zur Nachtzeit um Einiges leichter. Er zieht die Gesellschaft guter Bücher derjenigen der Menschen vor, ertränkt sich und seinen vom Denken gequälten Geist nur zu gern in billigem Rotwein. Harry Haller verachtet die Welt, in der er lebt. Fast so sehr wie sich selbst.

Dieser Mann, der sich selbst als ein in zwei Hälften gespaltenes Wesen, nämlich Wolf und Mensch, erfährt, ist ein in höchsten Grade zerrissenes Individuum. Rast- und heimatlos, von der bürgerlich geordneten Welt verstoßen, dazu verbannt als ewig suchender Steppenwolf durch die Städte zu ziehen. Für immer unzufrieden. Er lebt, was er hasst und verabscheut, ohne was er nicht kann.

Denn dies hasste, verabscheute und verfluchte ich von allem doch am Innigsten: diese Zufriedenheit, diese Gesundheit, Behaglichkeit, diesen gepflegten Optimismus des Bürgers, diese fette gedeihliche, Zucht des Mittelmäßigen, Normalen, Durchschnittlichen.

Nachdem der verzweifelte Versuch, seine letzten sozialen Ressourcen zu mobilisieren und die Gesellschaft eines alten Freundes wahrzunehmen, kläglich scheitert, lernt er in einer Kneipe jene Frau kennen, die es versteht den vereinsamten und unabhängigen Wolf zurück zu führen. Zu sich selbst. Zum Leben. Zu wilder Natur und wahrer Freiheit.

Hermine, vermeintliches Spiegelbild, Seelenverwandte, Führerin, Muse, nimmt Harry mit auf eine Reise durch Täler und Berge, auf einem Floß über strömende Flüße, uferlos und selbstmörderisch. Zu Pablo und den Opiaten, zu Maria und der jugendlichen Lust, zu sich selbst und dem was vom Menschen Harry noch übrig ist. Er tanzt Tänze und küsst Mädchen, in geselliger Runde zu traditionsloser Jazzmusik.

Nur für Verrückte!

Die Grenzen verschwimmen. Sowohl zwischen Realität und Illusion, als auch zwischen Wolf und Mensch. Der in tausend Stücke zerfallene Harry wird im Rausch zum Ganzen. Erlebt sich und seine Vergangenheit neu. In einem scheinbar unendlichen Labyrinth seiner Selbst erfährt er heimliche Sehnsüchte, tiefe Trauer und hoffnungsvolle Träume. Irgendwo jenseits der Wirklichkeit wie wir sie kennen, in einer Welt ohne Grenzen und fernab bürgerlicher Normen und Werte trifft Harry Haller auf niemanden als sich selbst.

Der Steppenwolf
von Hermann Hesse

288 Seiten, € 7,99

ISBN 978-3518366752
erschienen bei Suhrkamp


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