John Steinbeck: »Früchte des Zorns«

Über das rote Land und einen Teil des grauen Landes von Oklahoma fiel sanft der letzte Regen, aber er schnitt nicht in die rissige Erde ein.

Dust Bowl ist eine Bezeichnung für eine Periode in den dreißiger Jahren in den USA, in der der von Stürmen aufgewirbelte Staub dafür sorgte, dass für mehrere Jahre die Ernte für viele Farmer sehr schlecht ausfiel. John Steinbecks »Früchte des Zorns« handelt von einer Farmersfamilie, den Joads, die unter der schlechten Ernte zu leiden haben und ihre Farm verlassen müssen, auch weil neue Technologien – Traktoren und andere Landmaschinen – ihre traditionellen Methoden der Landwirtschaft verdrängen. Sie machen sich auf nach Kalifornien, so wie viele andere Familien, auf der Suche nach Arbeit. Dort finden sie auch Arbeit, sind aber gezwungen, jede Arbeit zu jedem Lohn anzunehmen, damit sie sich am Ende des Tages etwas zu Essen kaufen können.

Der Weg nach Westen ist ein klassisches US-amerikanisches Motiv und »Früchte des Zorns« einer der Klassiker der US-Literatur; in seiner Bedeutung durchaus vergleichbar mit »Die Abenteuer des Tom Sawyer«. Tom Joad, Hauptfigur des Romans, ist nicht zuletzt durch die Verfilmung, in der er von Henry Fonda gespielt wird, und durch ein Album von Bruce Springsteen, »The Ghost of Tom Joad«, ein fester Begriff.

Eine der Besonderheiten der Geschichte ist die Struktur: Steinbeck erzählt in einer einfachen Sprache, aber die Gedanken und Beschreibungen sind alles andere als oberflächlich. Es wechseln sich Kapitel, in denen die Geschichte der Joads erzählt wird, ab mit Kapiteln, in denen Steinbeck einen Überblick über die Entwicklungen im ganzen Land gibt oder einfach die Veränderungen der Landschaft beschreibt. Das ist zuweilen experimentell und überaus modern: Er gibt Einblicke in Diners, die an der Route 66 eröffnet wurden, als bemerkt wurde, dass viele Leute auf der Straße nach Westen reisen; ein Kapitel besteht aus einer Ansprache eines Gebrauchtwagenhändlers, der seinem Angestellten sagt, er solle immer den besten Preis für die Wagen rausholen, da die Reisenden in ihrer Not alles zahlen, was sie können. Dann gibt es noch den Blick von ganz oben, in dem Steinbeck die gesamtgesellschaftlichen Veränderungen anspricht. Das ist auch der einzige Schwachpunkt: Sie lesen sich zuweilen ein bisschen zu belehrend und wirken eher wie ein politisches Manifest als wie ein Roman.

Und die Löhne fielen, und die Preise blieben hoch. Und bald wir es bei uns wieder Sklaven geben.

Steinbeck ist immer sehr nah an seinen Figuren. Er erzählt davon, wie die Joads zusammen mit vielen anderen aus dem Osten in Camps unterkommen, immer in Gefahr, vertrieben zu werden, da die Leiharbeiter aus dem Osten in Kalifornien einen sehr schlechten Ruf haben; sie gelten als Sozialschmarotzer. Sie schlagen sich durch von Camp zu Camp, immer auf der Suche nach Arbeit. Steinbeck gelingen einige wirklich einprägsame Figuren – wie Casy, der ehemalige Prediger, der sich am Anfang des Buches der Familie anschließt und einen Sinn in der ganzen Not sucht. Die Joads werden detailliert beschrieben: Der Vater, der sich mühevoll mit den neuen Bedingungen arrangiert, die Mutter, die in der neuen Umgebung alte Verhaltensweisen aufgeben muss und sich letztlich als Familienoberhaupt erweist, und allen voran natürlich Tom Joad, auf den ersten Blick ein einfacher Mann, aber auf den zweiten sehr wach und empfänglich für seine Umgebung.

fruechtedeszorns

Früchte des Zorns
von John Steinbeck

übersetzt von Klaus Lambrecht

544 Seiten, € 12,90
(broschiert / kartoniert)

ISBN 978-3423104746
erschienen bei dtv

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