Italo Calvino: »Wenn ein Reisender in einer Winternacht«

Du schickst dich an, den neuen Roman »Wenn ein Reisender in einer Winternacht« von Italo Calvino zu lesen. Entspanne dich. Sammle dich. Schieb jeden anderen Gedanken beiseite.

Wer vor der Lektüre dieses Buchs Erkundigungen über dasselbe einholt, findet schnell heraus, dass es sich um einen „Metaroman“ handelt. Ach du lieber, postmoderner Himmel, denkt man sich mit gelupfter Augenbraue und beginnt zu lesen. Schon nach wenigen Seiten jedoch weicht die skeptische Miene einem breiten und genüsslichen Grinsen, das einem während der kommenden Stunden kaum vom Gesicht weichen will. Denn was Calvino verfasst hat, muss kompromisslos als ein Meisterwerk der fantastischen Unterhaltung bezeichnet werden.

Indem er fiktive Romananfänge als Fließtexte in sein Werk integriert, kann Calvino stilistisch hemmungslos aus dem Vollen schöpfen. Es ist ein wahres Feuerwerk an Stilen und Formen, das er entfacht. Vom Revolutionsepos bis zum Groschenroman, vom Brief bis zum Tagebuch – alles auf mysteriöse Art und Weise miteinander verbunden durch eine Art Detektivstory im literarischen Milieu. In dieser Rahmenhandlung spielen die Lesenden selbst die Hauptrollen, sie werden als fiktives „Du“/“Ihr“ in der zweiten Person adressiert. Durch den Produktionsfehler einer Druckerei mit einer unvollständigen Ausgabe von „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“ ausgestattet, begeben sich Leserin und Leser auf die Jagd nach der Fortsetzung des Textes. Was anfangs als ein leichtes Vorhaben erscheint, gerät in der Folge jedoch zu einer grotesken Schnitzeljagd um die halbe Welt und durch die Irrungen und Wirkungen des gesamten Literaturbetriebs.

Dein Blick fällt auf den Anfang des Buches. ‚Moment mal, das ist ja gar nicht der Roman, den ich gelesen habe! Der Titel ist gleich, der Umschlag ist gleich, alles ist haargenau gleich … Aber es ist ein anderes Buch! Eins von beiden ist falsch!‘

Durch chaotische Verlagsarbeit, schamlose Plagiate, bewusste Falschübersetzungen, Zensur und Machenschaften bibliomaner Geheimorganisationen ist kein Text, den die Suchenden finden der, der er sein sollte. Den Überblick über die Verschachtelungen und Zusammenhänge verliert man beim Lesen irgendwann zwangsläufig, doch das ist kaum frustrierend, da es schlichtweg unglaublichen Spaß macht, sich von Calvino an die Hand nehmen zu lassen. Er schafft es fast über den gesamten Roman, den Eindruck zu erzeugen, ausschließlich für das reine Vergnügen nicht nur irgendeines Lesers, sondern exklusiv für einen selbst, zu schreiben. Der Roman unterhält neben seiner raffiniert gesponnenen Geschichte und zahlreichen Seitenhieben auf Literaturbetrieb und -wissenschaft vor allem durch das illustre Ensemble, das Calvino antreten lässt. Leser mit ständig wechselnden Vorlieben und verzweifelte Autoren, verfeindete Philologen, fundamental-theoretische Arbeitskreise und intrigante Übersetzer – sie alle beschreibt Calvino mit heiterem Spott und durchaus ironisch, ohne dabei ins Boshafte abzugleiten.

‚Die Fortsetzung? … Oh hier ist genug zum Diskutieren für einen ganzen Monat. Genügt dir das nicht?‘ ‚Ich meinte ja nicht zum Diskutieren, ich meinte zum Lesen …‘ ‚Ach so … Hör zu, es gibt hier mehrere Arbeitsgruppen, die Bibliothek des herulo-altaischen Instituts hatte nur ein Exemplar, da haben wir’s uns geteilt. Es ging ein bisschen heftig zu bei der Teilung, das Buch hat dran glauben müssen, aber ich habe, glaub ich, den besten Teil erwischt.‘

Mit „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“ hat Italo Calvino eine Hommage an das Lesen geschrieben. Unter Berücksichtigung der vielfältigen Möglichkeiten, sich mit Literatur zu beschäftigen, betont er jedoch besonders die unvoreingenommene, subjektive Lektüre zur persönlichen Erbauung. Keine Rede von einer gesellschaftlichen Relevanz der Literatur.
Gleichwohl strotzt der Roman vor tiefgründigen, literaturtheoretischen Grübeleien. Diesen zu folgen kann man sich, so ging es zumindest mir, eingelullt durch Calvinos schmeichelhaften Stil und gefangen in der Unterhaltsamkeit des erzählerischen Verwirrspiels, kaum noch durchringen. Gegen Ende wird die Spannung hauptsächlich durch die Frage aufrecht erhalten, wie sich der Autor wohl aus den undurchsichtigen Verstrickungen herauswinden und den Roman zu einer Art Abschluss bringen wird. Darüber muss an dieser Stelle geschwiegen werden, nur so viel sei gesagt: Ich hatte schon bei vielen Romanen den Eindruck, sie seien insgesamt viele Seiten zu lang geraten – dass es sich dabei nur um einige Zeilen handelt, ist mir noch nie untergekommen.

Wenn ein Reisender in einer Winternacht
von Italo Calvino

übersetzt von Burkhart Kroeber

288 Seiten, € 9,99

ISBN 978-3596904426
erschienen bei S. Fischer

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Ein Kommentar zu “Wenn ein Reisender in einer Winternacht”

  1. nur eine kleine Korrektur zu einer sonst sehr gelungen Rezension: Die Roman(anfänge), die Calvino einbaut sind durchwegs nicht fiktiv, sondern beziehen sich auf andere Texte der Weltliteratur u.a. Tausend und eine Nacht (hier vor allem die Übernahme von Rahmen- und Binnenerzählung) oder Hofmanns Murr, Borges, Homer, etc.

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