Andor Endre Gelléri: »Budapest und andere Prosa«

Der Frost war da. Zitternd tauchten wir die schweren Kleidungsstücke ins eiskalte Wasser.

Googelt man den Autor, findet man außer einem Eintrag in der ungarischen Wikipedia und auf der Homepage des Suhrkamp-Verlages kaum etwas. Alt ist er nicht geworden – 1906 in Budapest geboren, starb er bereits 1945 in Österreich. In dem vorliegenden Band hat der Verlag viele kleine Geschichten zusammengetragen, die in ihrer Zusammenstellung beinahe wie eine durchkomponierte Sammlung wirken.

Als die Botond einlief, wurde es still im Hafen. Dann … sammelten kluge, fette Möwen die kranken Fische ein … langsam … in aller Bequemlichkeit. Der Himmel entzündete sich Abend für Abend, wurde rot – und anderntags kam der Wind. Wir … es war als wären wir zu Blättern geworden: wir raschelten, rauschten und zitterten zwischen den sich leerenden Lagerhäusern … noch einen Monat, und alle fliegen wir fort von hier.
– aus »Hafen«

Gelléri führt uns das Leben der kleinen Leute im Ungarn der dreißiger Jahre vor Augen; er schreibt über Arme, Aussätzige, Hungernde, er erteilt Versagern das Wort und ganz einfachen Menschen. Das Bezaubernde an diesen kleinen Szenen ist die Tatsache, dass sie alle etwas verbindet, von dem man aber nicht mit Genauigkeit sagen kann, was. Es sieht so aus, als gäbe es im Leben dieser Menschen kein Glück – das ist aber nicht wahr. Es gibt eine ganze Handvoll Glück, und gleichzeitig das genaue Gegenteil davon: Hass, Unterdrückung und Ungleichheit.
Dabei beschränken sich die Geschichten nie auf eine einzige Facette der Figuren: Von Färberlehrlingen ist da zum Beispiel die Rede, die ihrem Boss in bester Max-und-Moritz-Manier einen riesengroßen Streich spielen und ihn kunterbunt anmalen. Gelléri bedient sich an Motiven aus der Bibel, er lässt Männer ihre Frauen vernachlässigen, Brüder ihre Schwestern umbringen oder alte Weiber vor Misstrauen fast zerbrechen. Dabei bleibt die Stimmung der Geschichten aber nie bei Leid und Klagen hängen, sondern steht darüber und verfällt dann hier und da sogar in bitterbösen Zynismus oder süß-traurige Wehmut, so als wolle der Autor uns sagen: Schaut, da ist noch mehr als Dreck und Elend! Macht nur die Augen auf!

Ja, dann wird alles still. Auch wenn der Himmel einstürzte, würdest du es nicht hören. Wenn dir etwas fehlt: zu deinen Füßen findest du alles, ein Aug; einen extra Hals; wenn du kahl bist, Haare zu einer Perücke. Wenn du einen schlechten Magen hast, dort liegt soviel Darm herum, wie du nur haben willst. Da und dort brennt noch eine menschliche Kerze, dann verlöscht sie. Stille und Dunkel.
– aus »Wolhynien«

In die Sprache habe ich mich von der ersten Seite an verliebt! Wundervoll, diese Mischung aus purer Poesie und eiskaltem Realismus, der hier und da wie eine Speerspitze aus den verklärten Bildern hervorsticht. Gelléri ist ein Meister der Stimmungen; ohne viel beschreiben zu müssen, entwirft er Bilder, die klein-apokalyptisch sind und gleichzeitig beinahe vor Demut verschwinden.
Ich möchte mehr davon. Viel mehr!

Budapest und andere Prosa
von Andor Endre Gelléri

189 Seiten, € 12,99
(broschiert / kartoniert)

ISBN 978-3518012376
erschienen bei Suhrkamp

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