Luis Sepúlveda: »Wie man das Meer sehen kann«

Ich habe nie etwas Böses getan.
Ich weiß nur, dass ich jeden Morgen um sechs Uhr aufstehen muss, damit ich Zeit habe, meinen Korb herzurichten, der immer ein einziges Durcheinander ist.

27 kleine und größere Geschichten hat der Spanier Luis Sepúlveda in diesem Buch gesammelt, alle gemeinsam haben sie den Hauch Absurdität, der auch andere Werke des Autors unverkennbar durchzieht. Die literarische Reise führt den Leser – wie es auch der Klappentext verspricht – um die ganze Welt; wir wechseln von einer x-beliebigen Stadt in Lateinamerika nach Chile, fahren mit dem Schiff weiter ans Mittelmeer und besuchen eine Galerie in Stockholm. Und genauso unterschiedlich wie die Handlungsorte sind auch die Personen und deren Schicksale in Sepúlvedas Geschichten – da ist beispielsweise der letzte echte Fakir, der sich leider an einem besonders gefährlichen Trick übernimmt und das Zeitliche segnet, da werden Drogen geschmuggelt und Selbstmorde begangen, Minister getötet und Nationalfeiertage aus dem Boden gestampft.

Eines muss man Sepúlveda lassen: Seine Einfälle, seine Ideen sind größtenteils wirklich bezaubernd (wer käme schon auf einen Mann ohne Beine, der in einem Hotel arbeitet und jedesmal, wenn ein Gast kommt, durch eine Sprungfederkonstruktion in bester Jack In The Box-Manier hinter dem Tresen hervorkatapultiert wird). Die Geschichten können unterschiedlicher nicht sein, jede ist anders, auf ihre eigene Weise.

Wenn es Viertel nach sieben schlägt, baue ich schon meinen Klapptisch auf, ordne die Süßigkeiten nach Farben und Geschmack, die Schokoriegel nach Preisen, die teuersten lege ich aber immer möglichst nahe zu mir, und die Marzipanfigürchen stelle ich wie zu einer Parade auf; in Reih und Glied die kleinen Soldaten, und den mit der Fahne immer vornweg.

Böse Kritik habe ich aber dennoch zu üben: Die Ideen des Autors sind entweder glaubwürdig – oder aber absurd und so unheimlich unrealistisch (und schlecht ausgearbeitet), dass ich fast sagen muss: Jede dieser Geschichten ist entweder wirklich gut oder wirklich schlecht, dazwischen gibt es nichts. Sepúlveda versteht es wie kein Zweiter, einer Geschichte durch die teilweise völlig an den Haaren herbeigezogene und meist auch beinahe unverständliche Pointe jeglichen Zauber zu nehmen; ja, es macht manchmal fast den Anschein, das Ende müsse unbedingt so surreal wie nur möglich sein, ob es nun passt oder nicht. Das ist wirklich schade, denn im Großen und Ganzen hat mir der Einblick in die Geschichten wirklich gefallen; seine Sprache und sein Stil sind äußerst angenehm zu lesen, nicht aalglatt und kantenlos, aber dafür zwischendurch immer wieder zum Schmunzeln.

Gerade bei Kurzgeschichten aber erwarte ich vom Inhalt und der Ausarbeitung mehr als bei beispielsweise einem Roman, der auch schon einmal einige Schwachstellen aufweisen darf, die aber womöglich durch die Sprache ausgeglichen werden können. Rückblickend muss ich wohl sagen, dass die nicht so gelungenen Geschichten hier leider dominieren – was allerdings kein völliger Verriss sein soll; wer nach der Lektüre des Klappentextes keinen „Ernest Hemingway auf lateinamerikanisch“ erwartet, wie Evita Bauer den Autor in der Sendung „BR Lesezeichen“ betitelte, der kann ruhigen Gewissens einen Blick in diesen Geschichtenband werfen.

Wie man das Meer sehen kann
von Luis Sepúlveda

übersetzt von Willi Zurbrüggen

272 Seiten, € 17,90
(gebunden)

ISBN 978-3446202238
erschienen bei Hanser

» Leseprobe

rezensiert von

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.