Juli Zeh: »Die Stille ist ein Geräusch«

Der Hund guckt von draußen durch die Glastür, die Nase dicht an der Scheibe. Wenn er Daumen hätte, würde er sie drücken. Dafür, dass es jemandem hier gelingt, mir die Idee auszureden.

Wenn man jemanden fragt, was er denn von Bosnien wisse, wird er in den meisten Fällen wohl antworten: So gut wie nichts. Dass dort Krieg war, daran kann man sich noch erinnern.

Bosnien ist nicht gerade bekannt für seine blühenden Landschaften und seinen Badetourismus. Wenn wir ehrlich sind, hat dieses Land mit uns nichts zu tun. Auch Juli Zeh verbindet mit Bosnien nichts: »Ich will sehen, ob Bosnien-Herzegowina ein Ort ist, an den man fahren kann, oder ob es zusammen mit der Kriegsberichterstattung vom Erdboden verschwunden ist.«

Sie macht sich auf in dieses Niemandsland und hält ihre Reiseerfahrungen fest. Sie mietet sich einen Wagen an und bereist Dörfer und Städte, lernt die verschiedensten Menschen kennen und versucht, sich eine eigene Meinung über dieses Land zu bilden, über das wir so gut wie nichts wissen.

Warum war hier Krieg.
Wer hasst wen und wie sehr.

Der Krieg ist zu diesem Zeitpunkt seit sechs Jahren vorüber, aber natürlich hat er das Land und seine Bevölkerung noch lange nicht losgelassen. Die Nachwirkungen sind noch allzu deutlich sichtbar und auch in den Köpfen der Menschen hat der Krieg einen Platz eingenommen, den er so schnell nicht räumen wird. Nichtsdestotrotz hat sich das Leben hier wieder in Bewegung gesetzt und Schicht für Schicht fällt die Lethargie des Schreckens von den Menschen ab.

Ruinen-Sightseeing: Der Fahrer ist stolz auf die Trümmer, als hätte er sie persönlich arrangiert. Ich mache „Au“ und „Wow“ zu falltürenartig ins Wasser hängenden Brückenteilen, zu Müllkippen unter durchgebrochenen Zimmerdecken. Wie viele Stockwerke hat ein elfstöckiges Hochhaus? Antwort: Noch eins.

Juli Zeh nähert sich Bosnien mit einer Einstellung, die alles andere als unbefangen oder wertfrei ist; natürlich ist sie vorgeprägt, und natürlich ist sie weit entfernt davon, objektiv zu sein. Aber muss sie das denn? Und vor allem: Kann sie das?

Das Land, das sie besucht, ist das Bosnien, wie sie es aus den Nachrichten kennt. Sie maßt sich nicht an, alles zu wissen und die Hintergründe gänzlich zu verstehen, und genau diese Haltung ist es, die dieses Buch so wahnsinnig lesenswert macht: Mit einer erfrischend ehrlichen und menschlichen Naivität tritt sie dem Nachkriegsbosnien gegenüber, ungeheuchelt und voller vorgeprägter innerer Vorurteile: Sie kapituliert vor den politischen Hintergründen und muss sich eingestehen, dass es für einen Außenstehenden regelrecht unmöglich ist, die Zusammenhänge zu begreifen. Sie lernt die unterschiedlichsten Menschen kennen, die alle ihre eigenen persönlichen Erinnerungen an den Krieg haben, und weiß nicht, wie sie mit ihnen umgehen soll. Sie läuft wie ein staunendes Kind durch zerbombte Dörfer und kann sich nicht sattsehen an diesen Schreckenskulissen.

Der Krieg hat nicht nur Menschen getötet, sondern auch ihre Geschichten.

All diese Reiseskizzen verpackt Juli Zeh in eine Sprache, die mich nicht loslässt und an der ich mich nie sattlesen könnte. Da wechseln sich verstörend-skurrile Szenen ab mit hochromantischen Beschreibungen und mühelos fließt ein Bild ins nächste über. So brachial all diese Eindrücke auch sind, so filigran und poetisch ist die Sprache, die sie beschreibt. Mühelos und wie nebenbei schafft Juli Zeh Stimmungsbilder, die so stark sind, dass man dieses Land unbedingt selbst besuchen möchte.

Über eine bloße Reisebeschreibung geht »Die Stille ist ein Geräusch« weit hinaus: Vielmehr ist es hochliterarische Aufklärungsarbeit auf direkter Augenhöhe mit dem Leser.

Die Stille ist ein Geräusch
von Juli Zeh

263 Seiten, € 19,90
(gebunden)

ISBN 978-3895610554
erschienen bei Schöffling & Co.

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Ein Kommentar zu “Die Stille ist ein Geräusch”

  1. Ich fand das Buch auch super. Mir machte es nicht nur Lust nach Bosnien zu reisen, sondern generell Lust auf diese Art des Reisens, diese Art von Fragen, diese Art von Antworten zu suchen und sich wie Juli Zeh auf die Menschen, die man unterwegs trifft einzulassen, und ja – Menschen zu treffen.

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