Lisa Kränzler: »Nachhinein«

Unwahrscheinlich, dass sich das Gefühl ihrer frisch gesprossenen, streichholzkopfkurzen Haarspitzen unter meiner Handfläche nach mehr als 24 Jahren noch wiedererwecken lässt…
Glücklicherweise schert sich meine Erinnerung einen Dreck um Wahrscheinlichkeiten und lässt meine kleine, dickliche Hand wieder und wieder über ihren großen, kurzgeschorenen Kinderkopf streichen.

It could be anyone. Und weil dem so ist, heißen die beiden Protagonistinnen des Romans „Nachhinein“ JasmineCelineJustine und LottaLuisaLuzia. Austauschbar ähnliche Dreifachnamen, die, so wahllos sie auch wirken, aber schon auf den sozialen Hintergrund der beiden hindeuten könnten: Während LottaLuisaLuzia Kind gut situierter Akademiker ist, sind JasminCelineJustines Familienverhältnisse gelinde gesagt zerrüttet. Doch die beiden Mädchen sind beste Freundinnnen, verbringen den Großteil ihrer ihre Freizeit miteinander, schließen Blutsschwesternschaft. Sie gehen zusammen in den Kindergarten und in die Grundschule, verbringen ihre Nachmittage zusammen, werden älter und üben sich in kindlich-spielerischem Näherkommen und Eifersucht – bis sich plötzlich ein Riss durch das Bild zieht.

Aber lange scheint dieser Riss nur für JasminCelineJustine sichtbar. Ihr Leben wird auf den Kopf gestellt, ihre Kindheit wird abrupt beendet und sie flüchtet sich in die Parallelwelt ihres Super Nintendo, während LottaLuisaLuzia Klavier spielt oder mit ihren Eltern in den Urlaub fährt.

Mit eindringlichen, bildreichen Worten beschreibt Lisa Kränzler das Auseinanderdriften einer ehemals innigen Freundschaft, in der beide Seiten auf ihre Art und Weise nach innen vor der Welt flüchten. Je verzweifelter die eine Blutsschwester um Hilfe und Zuwendung bittet, desto rigoroser schottet die andere sich ab, verliert das Interesse an der Freundin, wendet sich dem Klavierspiel und anderen Freunden zu. LottaLuisaLuzia verdrängt, was JasmineCelineJustine ihr mitzuteilen versucht, wird aber immer wieder davon eingeholt.

Nun haben sie mich doch erwischt, die alten Bilder. Die Schlinge, der Hals, der Tritt und das Pendeln haben sie aus den Tiefen meines Gedächtnisses gezogen.
In den Dunkelkammern meines Hirns wurde ganze Arbeit geleistet. Ich begreife, dass die präzisen Abzüge jenes Tages in einem Entwickler aus Schuld gebadet wurden.
Mein inneres Auge hat kein Lid. Ich muss hinsehen.

Wie auch schon in Lisa Kränzlers Roman „Export A“ schaut hier eine Protagonistin mit widerwilligem Blick zurück auf einen Kindheits- oder Jugendabschnitt, der eigentlich in Vergessenheit geraten sollte und von dem höchstens nur die schönen Erinnerungen zurückbleiben sollten. Auch „Nachhinein“ ist eine Auseinandersetzung mit Verdrängtem, mit Traumata und zaghaften Bewältigungsversuchen. Lisa Kränzlers Sprache ist dabei wunderbar sprachspielerisch und kunstvoll, oftmals bleiben Stellen andeutungshaft und träumerisch. „Nachhinein“ ist eine beeindruckende Mischung aus Erschütterung und wunderbar heiler Welt, was sowohl inhaltlich als auch stilistisch kunstvoll umgesetzt wird. Uneingeschränkte Leseempfehlung!

Nachhinein
von Lisa Kränzler

269 Seiten, € 22,00
(gebunden)

ISBN 978-3943167160
erschienen bei Verbrecher Verlag

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