Saša Stanišić: »Fallensteller«

Als Ferdinand Klingenreiter das Publikum, liebe Freunde, Familie, liebe Kinder, um Ruhe fur seine Große Illusion bat, lachten einige, die meisten redeten weiter. Die Mädels vom Stadelmann unterbrachen ihre jauchzende Jagd und wandten sich zur Bühne. Die jüngere, Michaela oder Martina oder sonst ein Name, der für einen Jungen reserviert gewesen war und ein a angehängt bekam, rief schrill und munter durch den Sall: »Mami, wer ist der Opa?«

Zwölf Geschichten versammelt das neue Buch »Fallensteller« des Autors Saša Stanišić, der vorletztes Jahr mit seinem im uckermärkischen Dorf Fürstenfelde spielenden Roman »Vor dem Fest« das deutschsprachige Feuilleton begeisterte und den Preis der Leipziger Buchmesse gewann. Die titelgebende und zugleich umfangreichste Geschichte des Bandes greift erneut das im »Vor dem Fest« dargestellte Setting auf und bringt die vermeintliche Dorfidylle dieses Mal mit dem Auftauchen des sogenannten Fallenstellers durcheinander. Erneut lässt der Autor hier die brillant gezeichneten Figuren aus seinem vorherigen Roman aufleben: Der Fallensteller lebt seit einem Monat im Dorf, und die Tiere, die er angeblich fangen wollte, sind trotzdem überall. Doch es gibt noch weitere Neuigkeiten in diesem kleinen brandenburgischen Dorf. Der Dorfbewohner Lada gewinnt einen Literaturpreis und fährt mit seinen Nachbarn nach Hamburg zur feierlichen Preisverleihung. Geschickt setzt Stanišić hier die Gegenüberstellung zweier Perspektiven der Geschichtsschreibung des Dorfes um. Der fremde Schriftsteller aus »Vor dem Fest«, der unter den Dorfbewohnern als Jugo bezeichnet wird, gewinnt später mit seinem Buch einen Literaturpreis. Im »Fallensteller« spricht nun zum Schluss die kollektive Dorf-Stimme aus der Wir-Perspektive und drückt ihre kollektive Skepsis gegenüber dem Fremden wie folgt aus:

Wir wissen, auf so einen bist du nie vorbereitet, mit seinem Gepäck voll Allerlei: Sprache, Mut und Zauberei.

Die erste Erzählung kreist um den Hobbyzauberer Ferdinand Klingenreiter, der seinen ersten öffentlichen Auftritt in einem kleinen Gemeindesaal feiern soll, doch das Publikum nimmt ihn nicht wirklich wahr. »Womöglich ist aber auch das ein Talent, Leuten egal sein.« – heißt es dann an einer Stelle. Mit einfachen Mitteln gelingt es Stanišić hier, eine höchsttraurige Atmosphäre zu erzeugen. Die Leser erfahren letztendlich nicht, ob der Illusionist dazu kommt, seine Zaubertricks aufführen zu können. Wunderbar geht hier die Metapher auf, die ein Stück weit selbst die Figur von Ferdinand verkörpert: Ein unsichtbarer Mensch, der bis dahin in seinem Umfeld stets unbemerkbar blieb, wird zum ersten Mal in seinem Leben sichtbar, indem er andere Menschen zum Verschwinden bringt. Die Magie ist für ihn der Zufluchtsort, wo er das Phantastische, das Unreale, das Unmögliche möglich machen kann.

Die Helden der Erzählungen von Stanišić sind generell eher die Außenseitergestalten und Aussteiger, wie die Figur von Georg Horvath, der sich auf eine Geschäftsreise in Rio einfach treiben lässt. Eine weitere Geschichte dreht sich um zwei Freunde: Der Ich-Erzähler und sein Freund Mo tauchen bei einem absurden Fest mit verschiedenen Aktivisten auf. Mit viel Wortwitz prangert hier der Ich-Erzähler die quasiintellektuellen Gespräche in solchen Kreisen, die von der Flüchtlingsthematik bis zu den »Gefahren mobiler Datennutzung« reichen. Die Absurdität der Umwelt und der Handlung der Figuren wird in der darauffolgenden Erzählung noch weiter zugespitzt, als Mo ein surrealistisches Bild einer syrischen Surrealistin klaut, um es seinem Vater zu verkaufen.

»Manchmal«, sage ich, »verliere ich angesichts völlig banaler Dinge die Kontrolle über meinen Traurigkeitshaushalt. Ich werde so sehr traurig, das die einzige Kommunikation, zu der ich noch in der Lage bin, der Abbruch jeglicher Kommunikation ist.«

Die Themen wie Krieg, Vertreibung, Gewalt, Verlust sind zwar einerseits nicht zentral, aber trotzdem immer auf eine beeindruckende Weise präsent. Es lässt sich außerdem vermuten, dass einige Erzählungen direkte Verarbeitungen der biographischen Erlebnisse des in Bosnien-Herzegowina geborenen Autors Stanišić sind. Die abschließende Geschichte mit dem Titel »In diesem Gewässer versinkt alles« ist in diesem Band vielleicht die exemplarischste dafür; hier ließe sich die Geschichte leicht autobiographisch lesen: Die vermeintliche sorglose Gegenwart des Hauptprotagonisten wird durch die Rückblende in die Vergangenheit seiner Kindheit gebrochen, die durch den Krieg, Gewalt und der abschließenden Trennung mit der Familie bedingt ist. Nun liegt in seinem Heimatland sein Großvater im Sterben und schafft es dennoch, das letzte Geschenk – das blaue Hemd – des Enkelkindes würdig entgegenzunehmen.

Mit viel Sorgfalt und Präzision legt Stanišić in seinen Geschichten Fallen für seine Leser. Keinesfalls zufällig stößt man bereits in der ersten Geschichte auf folgende Sätze.

Magie ist nicht das, was ich mache. Magie ist was ihr nicht seht, dass ich mache.

Fallensteller
von Saša Stanišić

288 Seiten, € 19,99
(broschiert / kartoniert)

ISBN 978-3630874715
erschienen bei Luchterhand

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Ein Kommentar zu “Fallensteller”

  1. Dennis Gerstenberger
    Dennis Gerstenberger Antworten

    Ich habe angefangen, Fallensteller zu lesen. Weil es aber „Erzählungen“ sind, habe ich mittendrin angefangen, mit der Erzählung „Pica-pau-de-cabeca-amarela“. Und mich darüber geärgert, dass der Protagonist mal Horwath, dann aber Horvath geschrieben wird. Ein Fehler? Ein schlechter Lektor? Dann habe ich die Geschichte davor gelesen, „It´s okay. It´s also not okay“. Darin wird der Fehler erklärt. Die Erzählungen bauen also aufeinander auf und stehen nicht für sich allein. Okay. Georg Horvarth taucht zuerst in „Georg Horvath ist verstimmt“ auf. Habe ich auch noch gelesen, aber sind das wirklich Geschichten? Sie kommen mir eher so vor wie Romankapitel, denn sie sind nicht unabhängig. Und sind nicht in sich abgeschlossen, sie sind thematisch keine Erzählungen.

    Einen letzten Versuch habe ich unternommen, habe mit der ersten Erzählung weitergemacht. Auch hier hat Stanisic mich nicht berührt mit seinen Figuren und seiner Handlung. Schade, wo alle Welt ihn lobt und er doch so gut sein soll. Aber leider stehe ich mit seinen Werken auf Kriegsfuß, ich komme nicht rein, mir wird seine Kunst nicht deutlich. Schon den Soldaten, der das Grammofon repariert, konnte ich nicht bis zum Ende lesen, nach 50 Seiten musste ich es beiseite legen, es ging nicht mehr.

    Eine dritte Chance habe ich aber noch: Vor dem Fest habe ich noch nicht versucht zu lesen. Vielleicht ist das ja der richtige Einstieg für mich, und vielleicht ist es ja das beste des Autors. Danke jedenfalls für die Rezension, sie macht mir Mut, dass ich Stanisic eines Tages doch noch verstehen lernen kann.

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