Helen Macdonald: »H wie Habicht«

Fünfundvierzig Autominuten nordöstlich von Cambridge beginnt eine Landschaft, die mir im Laufe der Zeit sehr ans Herz gewachsen ist. Dort geht feuchtes Moor in ausgedörrten Sand über. Es ist ein Land der knorrigen Kiefern, der ausgebrannten Autos, der kugeldurchlöcherten Straßenschilder und der US-Air-Force-Stützpunkte. Es herrscht eine nahezu gespenstische Atmosphäre.

Unter dem Einfluss unseres modernen, überbordenden Reizen ausgesetzten Erlebens würde eine erste Reaktion zu »H wie Habicht« wohl kauzig, bieder oder verstörend lauten. Denn für dieses Buch muss man sich erst einmal auf eine Art von Wirklichkeit einlassen, die uns teilweise gar nicht mehr präsent ist. Das Leben und Überleben in der Natur folgt eigenen Regeln und vor allem hat Zeit dort eine ganz andere Bedeutung, als der moderne Stadtmensch es gewohnt ist. Das muss auch Universitätsdozentin und Autorin Helen Macdonald einsehen, die nach dem Tod ihres Vaters auf der Suche nach Antworten in dieser unberührten Ursprünglichkeit Zuflucht sucht und das Verhalten eines Habichts studiert. Seit ihrer Kindheit schon teilt sie die Faszination ihres Vaters für Greifvögel. Eindringlich beschreibt sie das fremde Tier. Kühl und ohne Wertung bringt sie uns das scheue Wesen nahe. Für einen Greifvogel bedeutet Töten Überleben. Ohne kann er nicht sein, Zweifel bei der Jagd hat er nicht – er muss töten. Um den Vogel zu begreifen, beginnt Helen Macdonald seinen Willen zu brechen. In unzähligen Anläufen versucht sie ihn zu zähmen, in der Fachsprache »abtragen«, und zerbricht dabei selbst fast.

Aber dies ist nur ein Teil der Geschichte. Die Mischung aus Vogelbuch, Trauerbewältigung, Künstlerbiografie und Kulturgeschichte der Falknerei schlägt einen großen Bogen. Das in England als »New Nature Writing« populäre Genre ist hierzulande kaum bekannt. Schon die Entscheidung, es als Sachbuch oder Belletristik einzuordnen, fällt schwer. Wahrscheinlich schlägt es gerade deshalb so in seinen Bann. Es schwingt etwas Fremdes, Geheimnisvolles in jeder Zeile mit. Durch präzise Beschreibungen wird es dem Leser ermöglicht, die feinen, kaum wahrnehmbaren Facetten von Verhaltensweisen zu erkennen, die sich sonst nur durch langwierige, konzentrierte Tierbeobachtungen erschließen. Aber Macdonald schafft es mit ihren teilweise virtuosen Passagen auch, das vermeintlich Gewöhnliche mit neuen Augen zu sehen. Sie bringt so die scheinbar unvereinbaren Welten der Wildnis und des modernen Menschseins zusammen. Mit Naturbeschreibungen allein ist es aber nicht getan. Sie erzählt die Geschichte des sagenumwobenen Romanciers und Naturforschers T. H. White, der sich ebenfalls an der Zähmung eines Habichts versucht hatte. In seinen Aufzeichnungen spürt sie der Methodik, aber auch der Persönlichkeit Whites nach, der für sie eine Verbindung zu ihrem Vater darstellt.

Der Habicht war all das, was ich sein wollte: ein Einzelgänger, selbstbeherrscht, frei von Trauer und taub gegenüber den Verletzungen des Lebens.

Die Aufs und Abs dieses fast unmöglichen Vorgangs des »Abtragens« werden begleitet von der Verlusterfahrung durch den Tod des Vaters, die Macdonald immer mehr in Verzweiflung und Isolation treibt. Dadurch kommt sie dem Wesen des Habichts Stück für Stück näher und findet schließlich Zugang zu ihm. Die geschickt verwobenen Erzählstränge ergeben ein lehr- und spannungsreiches Abenteuer, das man an der Seite der Autorin durchlebt. Letztendlich lernt diese von dem Vogel nicht nur seinen ungezähmten Überlebenswillen, sondern auch etwas über sich selbst. Wenn man sich einlässt auf dieses Buch und gewohnte Denkmuster fallen lässt, kann man an ihrer Erfahrung teilhaben. Während Bestseller oft nach demselben Muster gestrickt sind, fällt »H wie Habicht« angenehm aus dem Rahmen. So entstand ein eindringliches Buch, das nach der Lektüre noch lange fort wirkt.

H wie Habicht
von Helen Macdonald

übersetzt von Ulrike Kretschmer

416 Seiten, € 20,00
(gebunden)

ISBN 978-3793422983
erschienen bei Ullstein

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