Hermann Hesse: »Unterm Rad«

Wie schön hatte sich der kleine Giebenrath entwickelt! Das Strolchen und Spielen hatte er fast von selber abgelegt, das dumme Lachen in den Lektionen kam bei ihm längst nimmer vor, auch die Gärtnerei, das Kaninchenhalten und das leidige Angeln hatte er sich abgewöhnen lassen.“

Hans Giebenrath ist einer der begabtesten Schüler des Landes und wird aus seinem Dorf fortgeschickt um am Examen teilzunehmen. Nach dem erfolgreichen Abschluss erhält er die Chance dazu, in einer Klosterschule sein Wissen zu vertiefen.

Hesse schafft es stets, den Leser in seine Zeit zu entführen und ihn neben seinen Protagonisten herschreiten, die selbe Luft atmen, ihn im Fall Giebenraths an den selben chronischen Kopfschmerzen leiden zu lassen. Wenn Hesse das Leben dieses Jungen beschreibt, fühlt man sich die Stirn runzeln, sich an den Kopf greifen, weil man den Druck erahnt, den Wissen und Erwartungen auf Giebenraths Schultern verursachen. Und es sind auch eben diese Kopfschmerzen, die eine Ahnung im Leser hervorrufen und eine erdrückende Neugier darüber, was dem geplagten Giebenrath noch widerfahren möge. Trotz der Beschreibung einer Umgebung voller Schönheit und Zauber liegt ein Schatten auf dieser Erzählung, die den Leser das Ende scheuen und gleichsam kaum erwarten lässt.

Der Mensch, wie ihn die Natur erschafft, ist etwas Unberechenbares, Undurchsichtiges, Gefährliches. Er ist ein von unbekanntem Berge herbrechender Strom und ist ein Urwald ohne Weg und Ordnung. Und wie ein Urwald gelichtet und gereinigt und gewaltsam eingeschränkt werden muß, so muß die Schule den natürlichen Menschen zerbrechen, besiegen und gewaltsam einschränken; […].“

Eine Geschichte von so tiefgreifender Aufrichtigkeit, dass man sich als Leser mit dem jungen Hans und seinen Schulkameraden identifizieren kann, obwohl sie in einer anderen Zeit leben als heutige Lernende.

Hesses Erzählung von 1906 widmet sich einer zeitlosen und heute mehr denn je aktuellen Problematik. Zwar bezieht sich Hesses Kritik am Schulwesen auf den Zeitraum um 1900, dennoch sind Parallelen zu heutigen Kritikpunkten unverkennbar. Das Leid, das eine Gesellschaft auf Grund zu hoher Anforderungen verursachen kann, hat der Autor sensibel und unaufdringlich in Worte gefasst. „Unterm Rad“ sollte zur Pflichtlektüre werden für Lehrer und Schüler. Es sollte zum Denkanstoß werden für die Verfechter unseres heutigen Schulsystems, damit sich Schicksale wie das des Hans Giebenrath nicht länger wiederholen.

untermrad

Unterm Rad
von Hermann Hesse

176 Seiten, € 7,00

ISBN 978-3518365526
erschienen bei Suhrkamp


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