Lasha Bugadze: »Der Literaturexpress«

Im August warfen die Russen Bomben auf uns. Im September trennte sich Elene von mir. Im Oktober fuhr ich nach Lissabon.
Dass ich beim Literaturexpress dabei sein würde, hatte man mir bereits im Frühjahr angekündigt, aber zu diesem Zeitpunkt hatte ich mir noch nicht vorstellen können, dass uns die Russen im August bombardieren würden.

Der Roman »Der Literaturexpress« ist das erste Buch des georgischen Autors Lasha Bugadze, das nun auch auf deutsch vorliegt. Und die Übersetzung ist eine besondere: Die deutsch-georgische Autorin Nino Haratischwili hat den Roman ins Deutsche übertragen. Mit ihrem Mammut-Romanprojekt »Das achte Leben. Für Brilka« war die gebürtige Georgierin im vergangenen Jahr in aller Munde. Die das ganze 20. Jahrhundert umfassende Geschichte der georgischen Familie Jaschi faszinierte und erschütterte zugleich die Leser und machte das auf der kulturellen Karte immer noch ziemlich unbekannte Land Georgien deutlich sichtbarer.

Die Bücher des 1977 in Tbilissi geborenen Autors Lasha Bugadze werden in Georgien ebenfalls breit rezipiert. Besonders geschätzt wird er für seinen scharfen Sprachwitz und für den leichten Schreibstil. Und dies geht zum Glück auch in der deutschen Ausgabe nicht verloren. Der georgische Jungautor Zaza, die Hauptfigur des Romans, ist Teil eines literarischen Projekts, das zum Ziel hat, mit 99 anderen Autoren aus der unterschiedlichsten europäischen Ländern eine Zugreise von Lissabon nach Berlin zu absolvieren. Gehalten wird fast in allen Großstädten; geschrieben und sich ausgetauscht wird nur unfreiwillig; Schriftstellerleben wird hier eher vorgetäuscht. Die Handlung, die hauptsächlich in vielen Ecken Europas spielt, wird von dem georgisch-russischen Vier-Tage-Krieg im August 2008 umrahmt.

Es ist eine sehr ironische Ohrfeige für den gesamteuropäischen Literaturbetrieb und eine Ohrfeige, die der Ich-Erzähler und Autor Zaza sich selbst gibt. Im Roman wird nicht nur die Hilfslosigkeit der Gegenwartsautoren bloßgestellt, sondern auch deren parasitenartiges Leben scharf angeprangert. Bugadze stellt eine ziemlich hoffnungslose Diagnose, die länderübergreifend bestätigt wird: Die Literatur hat in den 2000ern ihre Hauptfunktion, politisch sein zu können, völlig verloren und ist nichts anderes als reine Vortäuschung des intellektuellen Daseins, jeglichen Sinns entleert. Die Fragen, die der Autor dabei aufwirft, sind zeitlos: Was ist die Rolle der Literatur in der Kriegssituation? Was ist die Autorenrolle dabei? Kann man heutzutage überhaupt politisch engagiert schreiben? Können die Autoren sich gegenseitig solidarisieren? Am Ende kommt Folgendes raus: Die Literaturbranche wird dekonstruiert, die Gegenwartsschriftsteller werden in ihrer peinlichen Lächerlichkeit bloßgestellt. Die moderne Rolle des Schriftstellers wird für sinnentleert erklärt. Während einer Autorenlesung heißt es: “

Hier steht ein Dichter aus einem zerbombten Land, seine Klagen sind aktuell und konkret wie nie. – Was ist das noch mal für ein Land? Ah, Georgien. Ja, ja, Russen haben es doch vor zwei Monaten zerbombt. Jetzt versteht man, warum der Dichter mit den Tränen kämpft. Und wir, ja, wir weinen auch, so weit hat er uns gebracht …

Nachgedacht und reflektiert wird im Roman nicht nur über die globalen Probleme. Die lokalen, georgischen Auffälligkeiten werden ebenfalls aufgegriffen. In diesem künstlichen Autoren-Zoo wird Zaza von anderen Artgenossen aus Georgien begleitet. Dies eröffnet ihm die neue Perspektive, die zunächst über die Fremdbetrachtung zur Selbstbetrachtung kommt. Angst ist hier das Schlüsselwort. Georgier fürchten sich leidenschaftlich. Diese Neurosen kommen in ganz banalen Dingen zum Vorschein, wie z. B. in der »Drei-Stunden-Davor-Regel« von Zazas Schrifstellerkollegen Zwiad, der stark darauf besteht, genau drei Stunden eher am Flughafen sein zu wollen. Die Angst vor Neuen, vorm Ausprobieren, vor der Freiheit leitet die georgische Gesellschaft. Noch deutlicher wird diese Problematik mit folgender Selbstreflexion Zazas, die ein beeindruckendes Bild produziert; der Wunsch, über das Meer zu schreiben, wird bei ihm stets von einem Bild blockiert:

Ein Dorf am Meer, eine Frau mittleren Alters, die, ohne ihr Kleid auszuziehen, ins Meer geht. Ich selbst war schon einige Male Zeuge dieser äußerst moralischen Tradition geworden: Die Dorfbewohnerinnen ziehen ihre Kleider nicht einmal aus, wenn sie ins Wasser steigen, sehr tief gehen sie eh nicht hinein, denn in den Armen halten sie ihre nackten kleinen Enkelkinder mit steifen Pimmeln und kichern dabei voller Gleichgültigkeit. Ich erinnere mich jedenfalls, dass ich mich selbst im Schlaf noch darüber ärgere, dass meine Fantasie, obwohl das Meer ja groß genug war und genug Stoff bieten würde, nicht einmal über diese Frauen hinauskam.

In dem gesamteuropäischen Bild des modernen Schriftstellers haben die georgischen Kollegen im Roman mit folgenden Klischeebildern zu kämpfen: Stets kontaktscheu, faul, unproduktiv und im Ausland immer auf sexuelle Erlebnisse fixiert.

Die Autoren des 21. Jahrhunderts sind nach Bugadze zum produktiven Arbeiten unfähig. Die eigentliche Rolle des Autors als Intellektueller, als Andersdenkender, als Revolutionärer ist verloren gegangen. Geschrieben wird nur des Geldes und Erfolges willen. Die Absurdität, die Zweck- und Sinnlosigkeit dieses schriftstellerischen Zusammenkommens wird dadurch weiter überspitzt, dass sich die Autoren des Literaturexpresses ihre Texte gegenseitig in der jeweiligen Muttersprache vorlesen müssen. Bugadze gelingt es, mit dieser einfachen Metapher vieles auszusagen. Die gegenseitige Unkenntnis der Kulturen und Sprachen, das Fremdsein und das gegenseitige Nicht-Verstehen-Wollen münden im folgenden Fazit: Fremd sind wir uns alle!

Der Literaturexpress
von Lasha Bugadze

übersetzt von Nino Haratischwili

320 Seiten, € 24,00
(gebunden)

ISBN 978-3627002237
erschienen bei Frankfurter Verlagsanstalt

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