Sylvia Plath: »Die Glasglocke«

Es war ein verrückter, schwüler Sommer, dieser Sommer, in dem die Rosenbergs auf den elektrischen Stuhl kamen und ich nicht wusste, was ich in New York eigentlich wollte. Bei dem Gedanken an Hinrichtungen wird mir immer ganz anders.

Esther Greenwood ist neunzehn als sie nach New York kommt, um dank eines gewonnenenen Wettbewerbs einen Monat lang für ein renommiertes Modemagazin zu schreiben. Eine Riesenchance für das ehrgeizige Mädchen aus der Vorstadt. Jung, talentiert, diszipliniert. Aber New York ist keine behütete Kleinstadt. Und Esther ist nicht die Esther, für die sie sich hält. Und während sie auf Bällen tanzt, Männer küsst und fast an einer Lebensmittelvergiftung stirbt, verliert sie immer mehr an Eindeutigkeit. Sie ist verwirrt, konsequent überfordert, Esther zweifelt. An sich und dem, was sie tut.

[…] Ich sah mich in der Gabel dieses Feigenbaums sitzen und verhungern, bloß weil ich micht nicht entscheiden konnte, welche Feige ich nehmen sollte. Ich wollte sie alle, aber eine von ihnen nehmen bedeutete, alle anderen verlieren, und während ich dasaß, unfähig, mich zu entscheiden, begannen die Feigen zu schrumpfen und schwarz zu werden und plumpsten eine nach der anderen auf den Boden unter mir.

Zurück in der Provinz, fällt sie in das Loch, dessen Grundrisse sich ihr bereits in New York zeigten. Für das Schriftstellerseminar wurde sie abgelehnt und die Aussicht auf einen viel zu langen, fruchtlosen und damit sinnentleerten Sommer in ihrer Heimat lässt sie tief fallen. Esther hört auf zu schlafen, hört auf zu essen und schließlich will sie auch mit dem Leben aufhören. Eine Überdosis Schlaftabletten bringt sie in die Psychatrie. Zu Dr. Gordon, der sie nicht versteht, und den schmerzvollen Elektroschocks. Zu Dr. Nolan und ihrer Freundin Joan. Zum Nicht-leben-Können und Nicht-Leben-Wollen. Zu Anfang und Ende. Um nochmal neu zu beginnen.

Ich war ganz still und leer, so wie sich das Auge eines Wirbelsturms vorkommen muss, dass inmitten von Trubel und Getöse träge seines Weges zieht.

Sylvia Plath ist Esther Greendwood. Oder andersrum. Viele Dinge, die die Autorin in ihrem einzigen Roman erzählt, haben sich so und so ähnlich ereignet. Sie wusste Bescheid, wusste worüber sie schrieb. Sei es die Unfähigkeit sich zu entscheiden, der Druck und die hohen Anforderungen, oder die scheinfunktionierende, amerikanische Gesellschaft der fünfziger Jahre. Sei es das missbrauchte Vertrauen in andere Menschen, die gelebte Andersartigkeit und ihre Konsequenzen.

Unsere Protagonistin ist zerrissen. Hin und her gerissen. Zwischen Anders und Anpassen, zwischen Vergangenem und dem, was noch kommt und vor allem zwischen Leben-Wollen und Nicht-Leben-Können. Unter einer Glasglocke, die sie gefangen hält. Die sie trennt von dem, was da draußen geschieht. Eine Glasglocke, so schwer und stabil, dass jeder Versuch sie anzuheben oder zu zerbersten auf lächerliche Art und Weise scheitert. Esther Greendwood kann sich befreien. Sylvia Plath bleibt bis zu ihrem Freitod eine Gefangene.

Die Glasglocke
von Sylvia Plath

262 Seiten, € 8,99

ISBN 978-3518456767
erschienen bei Suhrkamp


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Ein Kommentar zu “Die Glasglocke”

  1. »Die Glasglocke« von Sylvia Plath sollte man besser nicht lesen wenn man selber in einer ähnlich schweren Lebenssituation steckt und mit Depressionen zu kämpfen hat. Dieses Buch ist der Abstieg in den Wahnsinn und hat eine unglaubliche Sogwirkung. Es ist durchwirkt von Selbstvorwürfen, Apathie und einer beklemmenden Ruhe. Plath findet Worte für ein Lebensgefühl das oft ohne Worte auskommen muss. Dieses Buch ist meiner Meinung nach ein kleiner Schatz und sollte nicht in Vergessenheit geraten.

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