Shida Bazyar: »Nachts ist es leise in Teheran«

König der Könige haben sie ihn genannt und gesagt, Wir feiern ihn, wir feiern seine Frau, die Schönheit, sie haben gesagt, Wir lieben dieses Land, und dann haben wir gesagt, Wie lieben dieses Land. Wir mussten seinen Neugeborenen feiern, länger als wir es je bei einem unserer Geschwisterkinder getan hätten, seinen Neugeborenen weit drüber, im Palast der Blumen.

Das Jahr 1979. Teheran. Die Revolution gegen den Schah ist im Gange. Behsad ist jung und versteht sich als kommunistischer Revolutionär. Zusammen mit seinen besten Freunden Sohrab und Peyman ist er Teil der Studentenbewegung und immer im Epizentrum der Geschehnisse. Sie sind jung, intellektuell, voller Energie und Optimismus. Mit einer gemeinsamen Idee gehen sie alle auf die Straßen. Die Stimmung ist noch euphorisch: »Die Revolution wird jede Woche älter, und sie hat doch noch längst nicht angefangen. Der Shah ist weg, und wir sind am Beginn einer neuen Zeit, eines neuen Systems, einer neuen Freiheit, die wir nun vorbereiten.« Doch bald dreht sich das Szenario in eine unerwartete Richtung und die religiösen Gruppen übernehmen die Macht. Die Freunde von Behsad verschwinden oder kommen ins Gefängnis. Behsad gelingt die Flucht.

Aus fünf unterschiedlichen Perspektiven und in jeweils zehnjährigen Abschnitten erzählt die junge Autorin Shida Bazyar in ihrem Debütroman »Nachts ist es leise in Teheran« von einer Familie in Iran, die nach der Machtübernahme durch die Gläubigen das Heimatland verlässt und in Deutschland Asyl sucht. Gekonnt springt die Erzählung von einer Perspektive in die andere und gibt dem Roman eine neue Dimension, einen multiperspektivischen Blick auf die Geschichte dieser Familie. Im zweiten Abschnitt spricht nun Nahid, die Frau von Behsad und früher ebenfalls eine aktive Mitkämpferin der revolutionären Gruppen. Der Handlungsort ist nun Deutschland. Die junge iranische Familie ist bei einem befreundeten deutschen Paar zum Essen eingeladen. Bereits hier tut sich die Schlucht auf, welche die unüberbrückbare Differenz dieser beiden Welten beeindruckend aufzeigt. Walter und Ulla betrachten die Welt aus einer völlig anderen Perspektive. Die kleinen Peinlichkeite – das Gefühl alles falsch zu machen, an den falschen Stellen über die Witze zu lachen, die man sowieso nicht versteht, aber dies nicht zeigen zu wollen – prägen den gemeinsamen Abend. Die Dominanz der westlichen Kultur, die die Flüchtlinge nur in deren Exotismus begreift, teilweise weltfremde und romantisierende Klischeebilder aufgreift und die Menschen in ihrer Individualität ignoriert, wird hier in den Vordergrund gerückt. Die Verwunderung in Walters und Ullas Gesichtern, als sich herausstellt, dass Behsad Brecht und Tucholsky kennt, spitzt dies noch zu. Die Gespräche sind keine wirklichen Gespräche, sondern eher ein Aneinandervorbeireden. Die Kommunikation kommt nicht zustande. Behsad schweigt und diskutiert erst zu Hause mit seiner Frau weiter. Diskutiert eifrig, zieht alle möglichen Argumente und Gegenargumente dazu heran.

Man fragt sich beim Lesen, ob die Fundamente, Ausgangspunkte oder -situationen der Hauptprotagonisten des Romans von so unterschiedlicher Natur sind, dass das Gespräch darüber nicht funktionieren kann. Sind die Welten, die Strukturen so verschieden? Als Nahid sich einmal traut und fragt, wohin Ulla und Walter bei einer Demonstration von der Polizei weggebracht worden sind, antwortet Walter – »Auf die andere Seite (…) weiter weg von den Gleisen.« Spätestens hier wird klar: Die Differenz der Erfahrungen ist das, was das wirkliche Gespräch unmöglich macht.

1999 reisen die Kinder gemeinsam mit der Mutter zum ersten Mal in den Iran. Aus Lalehs Perspektive taucht man plötzlich in eine andere Welt. Das Erzähltempo steigt. Die Handlung wird dynamischer. Alles dreht sich und man hat das Gefühl, dass es ein unendliches Karnevaltreiben ist. Lalehs Begegnung mit ihrem Heimatland bringt ihre Gefühle durcheinander. Die Frage nach der eigenen Identität, nach der Zugehörigkeit zu einer oder einer anderen Kultur, nach dem richtigen Zuhause wird plötzlich zentral. Während des Teetrinkens reflektiert sie darüber folgend:

Aber mein schlechtes Gewissen ist im selben Moment verschwunden, in dem ich merke, dass sich auf der Welt nichts so richtig anfühlt, als wenn jemand dir rotgoldenen Tee reicht. Das ist das gleiche Gefühl, das zu Hause beim Hören der alten Geschichten manchmal aufkommt. Nichts anderes sollte ich tun, denke ich, als hier zu sitzen und mich an ein Teppichkissen zu lehnen, inmitten von lauten Menschen und lauter Musik. Und nie wieder sollte ich in einem Klassenzimmer sitzen mit Menschen, die dieses Land nur aus Die nackte Kanone kennen.

Shida Bazyar diskutiert in ihrem Roman beeindruckend komplex und aus verschiedenen Blickwinkeln die Themen, die in Deutschland momentan eine hohe Aktualität haben: Gelingt die Integration? Wenn ja, durch welchen Preis? Ist die Identitäts- und die Zugehörigkeitsfrage überhaupt eindeutig zu beantworten? Der Debütroman überzeugt sehr durch seine Dichte und seine komplexe Sprache, durch die Intensität der Handlung, durch die beeindruckende Schilderung der Ereignisse der neuesten Geschichte des Irans – und er sensibilisiert die deutschsprachigen Leser für die Themen, die der Literaturkanon hierzulande sonst eher am Rande behandelt.

Nachts ist es leise in Teheran
von Shida Bazyar

288 Seiten, € 19,99
(gebunden)

ISBN 978-3462048919
erschienen bei Kiepenheuer&Witsch

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