Barbara Gresslehner: »Der Geruch der Stille«

Das Laub liegt auf der Straße, als wäre ewig kein Wind mehr gegangen. Auch ansonsten ist niemand gegangen und hat es durcheinander gebracht. Das hat seine Richtigkeit so; es geht kein Wind heute, die Blätter fallen von ganz allein. Sie schichten sich zu Stapeln und Häufchen.

Hätten Bücher eine FSK, wäre dieses Buch unbedingt ab 18. Die einundzwanzig Kurzgeschichten behandeln jede genau ein sehr intensives Gefühl.
Der Leser betritt mit jeder Geschichte das Innenleben einer weiblichen Ich-Erzählerin, man hält sich im ganzen Buch mehr in ihrem Kopf auf als außerhalb.
Thematisch ist da von steinerweichender Einsamkeit bis Bondage-Masturbation alles dabei. Ja, richtig gelesen: Es gibt reichlich Sex in Phantasie und Realität in dem Buch, immer mit der vollen Dosis des gleichzeitig ablaufenden Gedankengutes. Eine gewisse Vorliebe für die härtere Gangart, Spielchen und klare Rollenverteilung immer eingeschlossen. Aber nicht in jeder Geschichte.
Dabei kommen interessante Fragen zu Tage, ohne, dass sie explizit gestellt werden, z.B., ob man aus der SM-Emotionalität wieder austeigen kann.
Wer jetzt aber pornografische, weibliche Wichsliteratur erwartet, liegt falsch; es sind eher arabeske Gedankenspiele zum Thema weibliche Sexualität, die den Leser trotzdem geil machen könnten.

Ob ich auf etwas hinauswill? Nein, genau betrachtet will ich eher hinein. Das bitte nicht freudianisch nehmen.
Oder doch? Sag, wenn ich der Hintern bin, bist Du mir vielleicht auch der Stock?

Natürlich provoziert ein Buch, in dem es so wichtig um Emotionen geht, auch welche beim Leser und in meinem Falle auch in der vollen Bandbreite. Es gibt stärkere und schwächere Geschichten oder anders gesagt, welche die einen treffen und welche, die das nicht schaffen. Tiefe erreicht man ja auch nicht mit der Beschreibung von Abziehbildchen.
Barbara Gresslehner malt mit Worten Bilder, die so ungelenk, unspezifisch und abgedroschen sind wie kosmetische Betrachtungen. Sie bebildert aber auch treffsicher das situative Innenleben mit Worten, die noch niemand dafür gefunden hat, die sich aber im Nachhinein als die bestmöglichen Formulierungen für diesen Gedanken herausstellen. Gedanken, die jede Frau schon einmal hatte. Was sie immer schafft, ist, dass man weiterliest. Egal, ob man sich gerade über das letzte Bild kaputtgefreut hat oder sich übergeben wollte. Das ist beeindruckend.

Ich hebe ein wenig den linken Arm, drehe das Handgelenk leicht in meine Richtung, zum elfundsiebzigsten Mal, und genauso oft stelle ich fest, drei Sommersprossen nach Haut, ich habe keine Uhr um – welch eine Überraschung,[…].

Positiv erwähnt sei noch, dass das Buch angenehm gebildet daher kommt, da wird Böll zitiert und Ulla Hahn, es gibt philosophische Ansätze und welche aus der Science Fiction, aber immer ganz ohne Klugscheißen. Danke dafür!
Ein bisschen erschreckend ist, was die Ich-Figur alles fühlt. Da kann man sich schon fragen, ob man selbst kaputt ist, wenn man die Hälfte der Gefühle nicht mal kennt. Vielleicht ist das Buch aber nur ein starkes Konzentrat.
Daher also die dringende Empfehlung: Immer nur eine Geschichte auf einmal lesen.
Fazit: Weltliteratur ist das definitiv nicht, dazu schwankt die Qualität zu stark.
Handfest ist es aber, auf einem Nachttisch fühlt es sich wohl, warum also nicht einfach mal lesen. Aber bitte nur Erwachsene.

Und für alle, die nicht genug kriegen können; die für mich perfekte Geschichte heißt „Die Wortgräberin“ und beginnt so:

Ich mag das Wort „runzeln“. Ich runzle die Stirn. Ich runzle mich […], bis ich mich ganz fortgerunzelt habe.

Der Geruch der Stille
von Barbara Gresslehner

141 Seiten, € 12,80

ISBN 978-3940274038
erschienen bei Kulturmaschinen

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