Sergej Prokofjev: »Der wandernde Turm«

Marcel Vautour war zweifellos ein bemerkenswerter Mann und sein Name ein Begriff in den gebildeten Kreisen von Paris. Zwar hielten Sesselgelehrte, ihr Wissen hinter dunklen Brillengläsern verbergend, und feinsinnige Denker, ihre Gedanken unter den Gewölben ihrer hohen weißen Stirnen bewahrend, ihn für einen komischen Kauz, gestanden ihm aber einen scharfen und wendigen, wenn auch bisweilen fehlgeleiteten Verstand zu.

Sergej Prokofjew ist vermutlich den allermeisten vorrangig als Komponist oder Pianist ein Begriff. Dass er sich auch als Schriftsteller versucht hat, ist eine Tatsache, die erst spät bekannt wurde.
Die nun im Nachlass des befreundeten Regisseurs Sergej Eisenstein aufgetauchten Erzählungen des Russen sind sowohl für Musik- als auch für Literaturfreunde eine interessante Entdeckung: Für erstere daher, weil die Biografie Prokofjews durch seine Erzählungen von einer ganz neuen Seite beleuchtet wird – für zweitere aus dem einfachen Grund heraus, dass es sich bei den 16 Geschichten um wirklich hervorragende Literatur handelt.

Nicht alle dieser Episoden sind abgeschlossen, und auch die übrigbleibenden Geschichten haben nicht immer ein für den Leser zufriedenstellendes Ende. Eines aber ist ihnen allen gemeinsam: Sie sprühen regelrecht vor Skurrilität und Fantasie. In der Titelgeschichte „Der wandernde Turm“ etwa beschließt der Eiffelturm, seinen ihm angestammten Platz zu verlassen und sich auf den Weg zum Turm aller Türme nach Mesopotamien zu machen. Er will den Turm zu Babel besuchen und durchquert dafür auf seinen eisernen Beinchen erst Frankreich, dann die Schweiz und die Alpen, um schließlich vom deutschen Militär in Empfang genommen zu werden. Da der Eiffelturm aber ein besonders netter Turm ist, geht er bei seinem Streifzug durch Mitteleuropa behutsam vor, um ja keinem Haus aufs Dach zu treten.

Obwohl das Städtchen klein war, lebten dort auch ehrenwerte Bürger. Oder besser andersherum: Weil das Städtchen klein war, waren die ehrenwerten Bürger nicht zu übersehen. Genauer würde ich sogar so sagen: Dank seiner geringen Größe waren jene Bürger, die ehrenwert waren, besonders hervorgehoben.

Auch die anderen Geschichten bewegen sich immer wieder zwischen Fantastik, Traum, Realität und Absurdität. Da ist von sprechenden Pilzen die Rede (Lewis Carroll grüßt herzlich) und Grafen in Geldnöten, von überfreudigen Fagottisten oder durch die Hölle irrenden Uhrmachern. In all diesen Episoden versteckt sich auch immer ein scharfsinniger Seitenblick auf die europäische Gesellschaft des aufkeimenden 20. Jahrhunderts.

Auf einer weichen, flauschigen Wolke lagen zwei große Pflastersteine, auf denen wiederum es sich zwei in neblige Kleider gehüllte Gestalten bequem gemacht hatten. Eine Gestalt war ultraviolett, die andere infrarot. Der mit der Physik vertraute Leser wird sofort verstehen, dass beide für das menschliche Auge unsichtbar waren. Und selbst wenn man sie hätte sehen könne, hätten sie viel zu weit weg gesessen. Aber das ist unwesentlich.

Prokofjew erzählt all das mit einem wunderbar lakonischen Unterton, viel feinsinnigem Witz und einer ausgeprägten Liebe zum Detail, ohne dabei aber je alles zu verraten oder dem Leser ein zu konkretes Bild an die Hand zu geben. Diese Episoden sind herrlich kurzweilig und in ihren Ideen erfrischend anders.
Es ist ein Jammer, dass es bei diesen wenigen Geschichten geblieben ist. Ich hätte gern noch viel mehr gelesen!

Der wandernde Turm
von Sergej Prokofjev

übersetzt von Lucian Plessner,
illustriert von Elisabeth Klingenberg

192 Seiten, € 19,99
(gebunden)

ISBN 978-3570580349
erschienen bei Edition Elke Heidenreich (C. Bertelsmann)

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