Virginia Woolf: »Orlando«

Er – denn es konnte keinen Zweifel an seinem Geschlecht geben, wenn auch die Mode der Zeit einiges tat, es zu verhüllen – war soeben dabei, auf den Kopf eines Mohren einzusäbeln, der von den Dachbalken baumelte.

Nicht weniger als knappe 400 Jahre liegen zwischen Geburt und Tod Orlandos; als adliger Höfling steht er anfangs vor Königin Elisabeth, versucht sich später als Dichter oder reist als Diplomat nach Konstantinopel. Die Zeit läuft, und Virginia Woolf durcheilt als fiktive Chronistin die großen Epochen der englischen Geschichte.
Als ob die Geschichte vor diesem Hintergrund allein nicht schon ungewöhnlich genug wäre, lässt Woolf ihren Protagonisten sozusagen auf halber Strecke über Nacht sein Geschlecht wechseln: Orlando wacht nach tagelangem Schlaf schließlich als Frau wieder auf.

Die Erinnerung ist die Näherin, und eine kapriziöse noch dazu. Die Erinnerung führt ihre Nadel ein und aus, auf und nieder, hierhin und dorthin.

Über allem steht immer Virginia Woolfs Sprache, diese unglaublich soghafte Poesie, die sich mühelos zwischen feinsinniger Ironie und detailgetreuen Beobachtungen bewegt; allein die literarische Erzählkunst Woolfs sollte Grund genug für jeden sein, diesem Roman so bald wie möglich eine Chance zu geben.

Es sind aber besonders auch die verarbeiteten Themen, die den Roman so unglaublich lesenswert und tatsächlich auch gedanklich wichtig und hochaktuell machen: Es geht nicht nur um Emanzipation und Ästhetik, um Selbsterfüllung und die berühmte Frage nach dem Sinn des Lebens – es geht vor allem darum, was einen Menschen letztlich ausmacht und was ihn abseits starrer Geschlechterrollen definiert.

Das Leben! Ein Liebhaber!

Dieser Roman ist nicht nur ein schillerndes Indiz dafür, dass Virginia Woolf zu Recht als eine der größten Schriftstellerinnen gilt – mehr noch, „Orlando“ ist der wortgewordene Beweis dafür, dass Literatur zu beinahe allem fähig ist.

Orlando
von Virginia Woolf

übersetzt von Brigitte Walitzek

304 Seiten, € 9,00

ISBN 978-3596903757
erschienen bei S. Fischer


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Ein Kommentar zu “Orlando”

  1. Hallo Alex!

    Da hast du dich wahrlich an sehr große (und großartige!) Literatur herangewagt, Respekt! Freue mich sehr darüber, Orlando auf einem Literaturblog zu finden :)

    Virginia Woolf gehört zu meinen Lieblingsautorinnen und Orlando zu meinen Lieblingsbüchern. Auch wenn man das sonst eher spärlich einsetzen sollte, ist es bei diesem Buch ganz unumgänglich, das private leben der Autorin ins „Buchgefühl“ mit einfließen zu lassen, spricht doch sämtliches Buchgefühl genau von dort –> Woolfs Gefühl für Vita Sackville-West, deren sämtliche (geschlechterübergrefende) Facetten sie in Orlando widerspiegelt.

    Auch ohne diesen Hintergrund bleibt für mich immer das Stärkste, wie sie es schafft, Orlando durch die Jahrhunderte und Geschlechter hinweg zu schreiben, wie natürlich die Figur diesen Weg zurücklegt, und wie unnatürlich dagegen die gesellschaftlichen Widerstände erscheinen, die sich daran reiben. Und wie du sagst: Es sprüht vor spitzer Ironie. Einfach wunderbar. Darüber kann man ganze Abschlussarbeiten schreiben ;)

    Schön, dass du Orlando hier eine neue Wörtlichkeit gegeben hast!

    Buchstabenbunte und begeistere Grüße
    das A&O

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