Toni Morrison: »Menschenkind«

Die 124 war böse.

Toni Morrisons Roman »Menschenkind« ist ein ziemlicher Brocken. Nicht unbedingt bezogen auf den Umfang, sondern eher auf Thematik und Ausführung. Und der deutsche Titel ist sehr unglücklich gewählt, aber dazu später mehr. Wenn man aber erst einmal diese beiden Hürden überwunden hat, sich auf das Buch eingelassen hat, lässt es einen nicht mehr los.

Wenn man sich lediglich auf die Handlung beschränkt, ist »Menschenkind« recht überschaubar und beinahe klassisch. Erzählt wird die Geschichte einer Gruppe farbiger Sklaven in den USA – vor allen Dingen von der Protagonistin Seth – die versuchen, der Sklaverei zu entkommen. Die Geschichte wird allerdings nicht chronologisch erzählt, sondern springt beständig zwischen mehreren Zeitebenen, meist ohne Ankündigung und auch innerhalb der Kapitel. Morrison macht gerade zu Anfang viele Andeutungen, die erst teilweise viel später aufgelöst werden; so auch der rätselhafte erste Satz des Buches. Was bei vielen Autoren zum Selbstzweck verkommt, das Springen zwischen den Zeitebenen und die verzögerte Weitergabe an Informationen an den Leser, ergibt hier durchaus Sinn.

Zum Einen schärft es die Aufmerksamkeit des Lesers. Das hier ist nicht »Fackeln im Sturm« und das Buch fordert dazu auf, dass man sich intensiv damit beschäftigt. Dazu gehört auch, wiederholt hin und her zu blättern, um sich ein vollständiges Bild der Geschehnisse zu machen. Oder zumindest so vollständig wie möglich, denn es bleiben bei Morrison immer noch Reste und Unklarheiten, die nie wirklich aufgelöst werden. Zum Anderen ergibt das Fragmentarische auch innerhalb der Geschichte Sinn und ist nicht nur schmückendes Beiwerk: Seths Gedanken kreisen um ein bestimmtes Ereignis, das bis ziemlich am Schluss immer wieder ausgelassen wird. Ihre Erinnerung scheint einen Bogen darum zu machen, aber doch immer wieder darauf zurückzukommen. Deshalb ergibt es Sinn, die Geschichte so zu erzählen, wie Morrison es tut.

Wer die seelische Innenansicht der Versklavung in Worte fassen will, darf die Grenzen der Sprache nicht achten.

Ein Wort zur Übersetzung. Es ist ein sehr schwierig zu übersetzendes Buch. Die gesprochene Sprache der Personen, die meist schwarze Sklaven sind, ist speziell und beinahe unmöglich in eine andere Sprache zu übersetzen. Im Grunde macht die Übersetzerin das sehr gut. Was allerdings beim Titel des Buches passiert ist, ist unklar. Der Titel »Menschenkind« scheint mehr darauf abzuzielen, die Vermarktbarkeit des Buches zu steigern, als wirklich den Ton des Buches zu treffen. Im Original heißt das Buch schlicht: »Beloved«. Ein Titel, der, wenn man es gelesen hat, viel sinnvoller ist.

Wer also keine Angst vor fordernder Literatur hat, die aber trotzdem nicht elitär oder überzogen daherkommt, sollte sich einmal an »Menschenkind« versuchen.

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Menschenkind
von Toni Morrison

übersetzt von Helga Pfetsch

400 Seiten, € 9,99
(broschiert / kartoniert)

ISBN 978-3499244209
erschienen bei Rowohlt

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