Arnon Grünberg: »Der jüdische Messias«

Weil sein Großvater mit aufrichtiger Begeisterung und rückhaltlosem Glauben an die Zukunft der SS gedient hatte – der Mann war sich nicht zu fein gewesen die Ärmel hochzukrempeln, nicht so ein Faulenzer, der bloß am Schreibtisch saß, ab und zu ein Dokument abstempelte und pünktlich um fünf heim zu Frau und Kind eilte, nein, er war ein Ehrenmann, der sich auf das Handwerk des Todes verstand, ohne seine Familie damit zu behelligen …

Mit diesen Worten beginnt Arnon Grünbergs abgründiges Schelmenstück. Xavier Radek ist etwa vierzehn und großer Verehrer der Tatkraft und Überzeugung, mit der sein Großvater in der SS diente. Xavier begibt sich auf die Suche nach etwas, an das er genauso stark glauben kann wie einst sein Großvater in seinem Kampf gegen die Feinde des Glücks. Etwas, das ihm seiner Berufung zu etwas Großem und Heldenhaften näher bringt – denn daran, dass ihn das Schicksal auserwählt hat, hat er keinen Zweifel.

Beim heimlichen Stöbern in der Geschichte seiner Familie, die in Kisten verpackt dem Vergessen anheim gegeben wurde, stößt er auf ein Buch: Das verbotene Buch, das Manifest von Du-Weißt-Schon-Wem. Schon früh lernt er daraus, dass es drei Sorten von Menschen gibt: die Lauen, die Verräter und die Kämpfer. Und natürlich will er genauso wie sein Großvater damals im KZ zu den Kämpfern gehören.

Sonntags hat er nie jemanden totgeschlagen, der Tag des Herren war ihm heilig. Selbst unter diesen erbärmlichen Umständen.

Xavier beschließt, dem Tatendrang des Großvaters zu folgen und in dessen Fußstapfen zu treten.

Xavier dachte an seine Schule. Die meisten Jungs in seiner Klasse redeten über Mädchen, was in seinem Alter nichts Ungewöhnliches war, doch Xavier fand Juden viel spannender.

Er entdeckt, dass seine Mission darin besteht, die Juden, die Feinde des Glücks, von ihrem Leid zu erlösen und sie zu trösten. Um seinem frisch entdeckten Auserwähltsein Nachdruck zu verleihen, beschließt er, sich dem einzig auserwählten Volk, eben diesen Juden, anzuschließen. Er besucht regelmäßig die Synagoge der Stadt, trifft dort den blonden und blauäugigen Awrommele, den Sohn des Rabbis.

Awrommele schloss die Augen, die Zunge glitt über seine Lider. Als er sie wieder öffnete sagte er: »Sobald wir etwas fühlen, müssen wir aufhören. Dann dürfen wir uns nie wieder sehen, als wären wir uns niemals begegnet, müssen einander vergessen und jeden Beweis, dass wir uns gekannt haben, zerreißen und verbrennen.« »Ja«, sagte Xavier. »Aber das wird nicht geschehen. Es wird nie ein Gefühl zwischen uns geben, glaub mir.«

Xavier, der bei jeder Affäre Awrommeles vor Eifersucht rast, und Awrommele, der dennoch immer wieder zu ihm zurückkehrt: Sie sollen ihrem Schwur, sich ihre Liebe zueinander niemals einzugestehen, bis in den Tod treu bleiben.

Grünberg offenbart eine absolut unmoralische Welt und er zeigt eine Gesellschaft, die sich damit abgefunden hat, die damit vollkommen einverstanden ist. Die Befriedigung jeglicher Begierde über das Wohl anderer zu stellen ist das Prinzip dieser Gesellschaft, und Xavier ist das Produkt derselben.

Grünberg ist ein Meister darin, die verschiedenen Erzählstränge seines Romans zusammenzuführen. So erzählt er zum Beispiel ganz beiläufig und dennoch eindrucksvoll die Geschichte der Mutter Xaviers, die sich selbst nur durch andauernde Selbstverstümmelung spürt und es bereut, Xavier als Baby nicht mit Rattengift getötet zu haben. Dann ist da die Geschichte von Awrommeles Vater, der Gemeindegelder veruntreut, seine Frau mit deren Schwester betrügt und anrüchige Massagesalons besucht. Man begegnet außerdem dem Besitzer eines Falafel-Imbiss, dessen Füße im Laufe der Geschichte Bekanntschaft mit einer Fritteuse machen sollen.
Jede dieser kleinen Geschichten und Episoden für sich genommen reißt bereits menschliche Abgründe auf. Grünberg knüpft diese verschiedenen Handlungsstränge zu einem Seil, das sich sanft, dann fester und fester um die Kehle des Lesers legt.

Grünbergs Pandämonium nimmt seinen Lauf: Xavier setzt sich schließlich in den Kopf, DEN jüdischen Roman zu schreiben – stellt aber fest, dass Du-Weißt-Schon-Wer das bereits vor vielen Jahren getan hat.
Awrommele und Xavier halten die Zeit für geeignet, das verbotene Buch ins Jiddische zu übersetzen. Xavier lässt sich beschneiden, verliert dabei einen Hoden, den er »König David« nennt und als Talisman und Symbol für sein Auserwähltsein fortan immer bei sich trägt.

Dieser Roman ist ein absolutes MUSS: Sprachgewaltig und beunruhigend, zum Lachen traurig und zum Weinen komisch. Chapeau, Herr Grünberg!!!

Der jüdische Messias
von Arnon Grünberg

übersetzt von Rainer Kersten

640 Seiten, € 24,90
(gebunden)

ISBN 978-3257068542
erschienen bei Diogenes

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