Urs Widmer: »Liebesnacht«

Joseph Conrad hat gesagt, jeder Schriftsteller sei so alt wie die Jahre, die seit seinem ersten Buch verstrichen sind. Kann sein, dass er sich dabei nach neuer Jugend sehnte, denn als er mit dem Schreiben anfing, hatte er schon ein halbes Leben hinter sich. Ich jedenfalls wäre nach seiner Zeitrechnung gerade dreizehn Jahre alt.

Egon, ein Freund des Ich-Erzählers kommt für eine Nacht zu Besuch und in dieser Nacht wird nicht geschlafen. Stattdessen versammeln sich die Bewohner des Hauses und unterhalten sich, lange und innig. Egon, ein Weltenbummler, der in jedem Land eine Geliebte und ein dazugehöriges Kind zu haben scheint, gibt den Anstoß. Er berichtet aus den unterschiedlichsten Ecken der Welt und umkreist dabei hauptsächlich die Themen Frauen, Liebe und Eifersucht. Nach und nach stimmen auch die anderen Anwesenden in diese Berichte ein und erzählen von jenen Begebenheiten und Liebesgeschichten, die sie in ihrem Leben am meisten bewegt haben, seien es exotische Erlebnisse aus dem südamerikanischen Urwald oder Berichte von Liebhabern, deren Geschichte bis dahin tief im Inneren des Erzählenden ruhte.

Nun begann ich doch zu erzählen, wie ich meine Frau kennengelernt hatte, obwohl sie, anders als die Frauen der anderen Berichte, ja dasaß in Fleisch und Blut und gleich auch rot wurde, nicht aus Scham und nicht aus Eifersucht, sondern weil sie wie ich fühlte, wie lange das alles zurücklag, so fern, dass wir manchmal denken, ganz andere haben sich einst zusammengetan und sind, schwer zu sagen wie, die geworden, die wir heute sind.

Ab und an durch Gedankeneinschübe des Ich-Erzählers unterbrochen, besteht der größte Teil dieses Buches aus erlebter Rede. Die verschiedenen Sprecher auseinander zu halten fällt dabei manchmal schwer. Zwar ist innerhalb des Leseflusses immer klar, wer gerade der Erzählende ist, doch in der Art zu sprechen, Sätze zu formen, sind sie sich allesamt, ob Mann oder Frau, ob vielgereister Egon oder schweigsamer Musiker-Mitbewohner, zum Verwechseln ähnlich. Und eigentlich könnte man das für ein Manko des Texts halten, für eine fehlende Tiefe und Unterscheidungsmöglichkeit der Charaktere, wäre nicht gerade die unglaublich schöne, poetische Sprache Widmers so bemerkenswert. Es macht keinen Unterschied, ob die Personen sich sehr voneinander unterscheiden oder nicht – es ist nicht wichtig. Denn die Sprache macht auch die schlichten Dinge zu Besonderem, ist der Inbegriff dessen, was sich durch diese „Liebesnacht“ zieht – die Wiedererzählung von erlebter Liebe. Ein schönes, stilles Buch, das wie ein weltfremdes Traumwandeln daherkommt, das eine unangetastete Idylle zwischenmenschlicher Beziehungen zeigt.

Ich lernte auch einen Maler aus Stuttgart kennen, der nie deutsch sprach, ein Haus am Rand eines Weilers bewohnte und entsetzliche Bilder malte. Aber wie er lebte, das faszinierte mich. Das heißt, einmal trat ich in den kühlen Raum, in dem er malte, und er hatte eine große Leinwand vor sich und darauf den Akt einer Frau, und das Bild lebte so ungeheuerlich, dass ich sprachlos war. Ich sagte es ihm. Er lächelte, ich glaube, er freute sich wirklich, und am nächsten Tag hatte er den Akt fertiggemalt, jede Kontur des Körpers mit einer schwarzen Linie nachgezogen, und das Bild war tot wie alle zuvor.

Liebesnacht
von Urs Widmer

144 Seiten, € 7,95

ISBN 978-3257211719
erschienen bei Diogenes


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