Javier Marías: »Morgen in der Schlacht denk an mich«

Niemand denkt je daran, dass er irgendwann eine Tote in Armen halten könnte und dass er nicht mehr ihr Gesicht sehen wird, an dessen Namen er sich erinnert.

Ein wenig gespenstisch ist er schon, der Tod von Marta Téllez, den Marías als Ausgangspunkt für seine Geschichte wählt: Ganz plötzlich geschieht es, sie selbst liegt halb entkleidet im Ehebett, und sie ist im Moment ihres Todes nicht allein. Nebenan im Kinderzimmer schläft ihr zweijähriger Sohn, ihr Mann ist auf Geschäftsreise in London. Nur Victor ist bei ihr und erlebt ihren Tod mit, ohne irgendetwas unternehmen zu können, alles geht so schnell. Es dauert eine ganze Weile, bis Victor ganz und gar realisiert hat, dass Marta soeben in seinen Armen gestorben ist. Dadurch fühlt er sich vor die Frage gestellt, was man in solch einem Augenblick tut: Einen Arzt rufen, damit er eine ohnehin schon Tote als tot erklärt? Den Ehemann in London anrufen, damit dieser informiert wird und auch nichts unternehmen kann? Und was passiert mit dem Jungen?
Victor trifft einige schnelle Vorkehrungen und verlässt dann wie traumwandlerisch die fremde Wohnung. Das Delikate an der ganzen Sache ist nämlich: Die beiden kannten sich kaum und wollten diesen Abend eigentlich nur dazu nutzen, sich miteinander ein wenig auf Erwachsenenart die Zeit zu vertreiben. Der Ehemann war schließlich verreist …

Alles erscheint uns wenig, alles verdichtet sich und erscheint uns wenig, sobald es vorbei ist, dann stellt sich immer heraus, dass wir zu wenig Zeit gehabt haben.

Die folgenden Tage und Wochen werden für Victor dann zu so etwas wie seiner persönlichen Detektivgeschichte: Er wohnt Martas Beerdigung bei, von der er aus der Zeitung erfahren hat, und lässt sich durch einen Kollegen mit dem Vater der Verstorbenen bekannt machen, um auf Umwegen mehr über die Tote und ihre Familie in Erfahrung zu bringen. Nach und nach lichtet sich der Nebel, es kommen winzige Details ans Licht, die dem Ganzen eine neue Richtung verleihen.
In einer Art Showdown steht Victor dann schließlich Martas Witwer Deán gegenüber, und dieser hat ihm ein Geständnis unter Männern zu machen: Dass Victor derjenige ist, mit dem Marta ihren Mann in ihrer Todesnacht betrügen wollte, ist für Deán dabei nicht einmal weiter von Bedeutung. Auch Deán hat zeitgleich in London einige schreckliche Stunden durchlebt, und vielleicht wären die ein wenig anders verlaufen, hätte Victor ihn unverzüglich über Martas Tod informiert.

Es ist unerträglich, dass Menschen, die wir kennen, zu einem Stück Vergangenheit werden.

»Morgen in der Schlacht denk an mich« (der Titel ist übrigens ein Shakespeare-Zitat, und dieses Zitat taucht immer wieder als eine Art Schlüsselmantra auf) ist ein ziemlich Kräfte zehrender Roman, nicht unbedingt leichte Kost für zwischendurch. Javier Marías ist ein gnadenlos genauer Erzähler mit einer Vorliebe für Kleinigkeiten, der vom Hundertsten ins Tausendste kommt und dem Leser zwischendurch kaum einmal Luft zum Durchatmen lässt. Er ergeht sich mit einer sichtlichen Freude in allen möglichen Eventualitäten, er jongliert die Gedanken seiner Figuren und spielt alle Möglichkeiten des Handlungsverlaufs durch. Das ist vielleicht nicht immer zwingend notwendig, verleiht dem Roman aber einen unterschwelligen Sog, der einem im positiven Sinne schwer zu schaffen macht.
Ob man dafür nun wirklich ganze 400 Seiten gebraucht hätte, ist streitbar – gerade zum Ende hin gibt es die eine oder andere Episode, auf welche die Geschichte gut hätte verzichten können, ohne dass ihr dadurch etwas von ihrer Eindringlichkeit verloren gegangen wäre.
Gefühlsduselei oder gar Kitsch findet man so gut wie gar nicht, dafür aber immer wieder eine erfrischend unsentimentale Art von Melancholie. Javier Marías berichtet hier nicht nur von einem plötzlichen Tod und dessen Nachwirkungen, sondern dringt gleichzeitig auch tief ein in die Geheimnisse und Besonderheiten von Wahrnehmung und Sprache. Er seziert regelrecht, und gerade darum ist dies ein starker und betörend kraftvoller Roman, der vor allem durch seine erzählerische Prägnanz überzeugt.

Es entschwindet nicht nur, der ich bin, sondern auch der, der ich gewesen bin, nicht nur ich, sondern mein ganzes Gedächtnis, alles, was ich kenne und gelernt habe und auch meine Erinnerungen und was ich gesehen habe, die tausenderlei Dinge, die vor meinen Augen vorbeigezogen sind und die niemandem etwas bedeuten und niemandem nützen und nutzlos werden, wenn ich sterbe.

morgeninderschlacht

Morgen in der Schlacht denk an mich
von Javier Marías

übersetzt von Carina von Enzenberg

416 Seiten, € 10,99

ISBN 978-3596194865
erschienen bei S. Fischer

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