Kristín Marja Baldursdóttir: »Die Eismalerin«

Die Leine sang im Frost, als die Schwestern sie berührten und die Schürzen, die zum Trocknen aufgehängt worden waren und sich vor Kälte aneinander gekuschelt hatten, waren steifgefroren und völlig verwickelt.

Es gibt die verschiedensten Gründe, sich auf ein völlig unbekanntes Buch einzulassen: Die ansprechende Gestaltung des Covers etwa, oder den vielverheißenden Titel. In meinem Fall war es der Name der Autorin: Kristín Marja Baldursdóttir. Isländisch durch und durch. Sofort dachte ich an meinen Urlaub auf der Insel aus Feuer und Eis, an getrockneten Stockfisch, heiße Quellen und endlose Lavafelder. Und so wanderte »Die Eismalerin« in meinen Einkaufskorb.

Erzählt wird die Geschichte von Karitas, geboren im Jahr 1900 in den Westfjorden. Nach dem Tode des Vaters beschließt die Mutter, mit ihren sechs Kindern in den Norden Islands zu ziehen, damit alle, auch die Mädchen, eine Ausbildung erhalten können. Karitas ist die Drittälteste, aber das jüngste Mädchen. Deshalb muss sie zunächst zurückstehen, während ihre Schwestern einen Beruf erlernen und ihre Brüder die Schule besuchen. Doch dann wird ihr künstlerisches Talent entdeckt, und dank einer wohlhabenden Gönnerin kann sie an der Königlichen Kunstakademie in Kopenhagen studieren. Was aber fängt frau mit einem Kunststudium an, in Island, in den 1920ern? Zunächst einmal heißt es Geld verdienen, um sich den Traum vom Atelier in Reykjavik zu erfüllen. Deswegen reist Karitas erneut in den Norden, um als Saisonarbeiterin beim Ausnehmen und Einsalzen des Herings zu helfen. Ihre Sommeraffäre mit Sigmar, einem unverschämt charmanten Fischer aus dem Osten des Landes, bleibt jedoch nicht ohne Folgen. Wie soll sich Karitas da gegen den normalen, einsamen Alltag einer isländischen Seemannsfrau und für ihre innere Sehnsucht nach der Kunst entscheiden? Sie folgt ihrem Liebhaber, gerät aber immer wieder in das Spannungsfeld aus familiären Erwartungen und ihrer eigentlichen Bestimmung, bis es sie schließlich fast zerreißt.

Kristín Marja Baldursdóttirs Sprache ist wie der Norden selbst: Kühl, knapp, mitunter ziemlich rau. Ohne viel Gewese erzählt sie, was es zu erzählen gibt – so den Moment, in dem Karitas ihre zweite Schwangerschaft akzeptieren muss:

Karitas kapitulierte vor Mutter Natur. Aber jetzt überwältigten sie die Depressionen wieder. Und die Übelkeit. Sie starrte stumpf vor sich hin: Mit zwei Kleinkindern auf dem Arm konnte sie nicht malen. Sie versuchte nicht einmal mehr zu malen, während Klein Jón schlief, sie fand, dass es sich nicht lohnte. Sie würde die Kunst sowieso drangeben müssen. Die Tage vergingen, draußen schneite es, und drinnen kroch Klein Jón durch das Haus.

Diese Kühle und das bläuliche Licht, in das die ganze Geschichte getaucht ist, erfasst auch die Charaktere. Sie sind in ihren Handlungen durchaus nachvollziehbar, bleiben aber immer auf Distanz, sogar die Hauptheldin selbst. So hart, wie der Alltag der Menschen zu dieser Zeit war, ist auch ihr Umgang mit dem eigenen Seelenleben. Es ist ehrlich gesagt nicht einmal so, dass ich mir unbedingt wünschen würde, mit dieser Karitas – oder sonst irgendeiner Figur aus dem Buch – befreundet zu sein, obwohl sie an vielen Stellen durchaus bewundernswert ist. Deshalb ist »Die Eismalerin« auch weit davon entfernt, ein »Frauenroman« zu sein, denn die Kitschklischees liebeshungriger Schmökerverschlingerinnen werden bis zum Schluss nicht bedient. Vielmehr ist die Geschichte eine spannende Sozialstudie. Das, was die Autorin da quasi nebenbei über das tägliche Leben der Isländer im Kampf gegen die Naturgewalten, gegen Kohle- und Nahrungsmittelknappheiten erzählt, ist so lebendig geschildert, dass ich den Fisch riechen, die Kälte spüren und die Kargheit der Behausungen vor mir sehen konnte.

Ein durchaus lesenwertes Buch also. Nur der deutsche Titel »Die Eismalerin« wird der ansonsten fantastischen Übersetzung von Coletta Bürling nicht gerecht. Er klingt nach Frauenkitsch und wird auch überhaupt nicht irgendwie plausibel, denn Karitas sitzt nicht im Eis herum und malt. Sie malt auch kein Eis. Und so kalt wie Eis ist sie, trotz der oben beschriebenen Rauheit, nun auch wieder nicht. Im Isländischen lautet der Titel »Karitas án titils«, also in etwa »Karitas ohne Titel«, was sich natürlich zunächst auf die Werke der Malerin bezieht, aber gleichzeitig auch ihre Suche nach sich selbst einfängt. Das erscheint mir wesentlich gelungener als der deutsche Versuch. Aber es gibt ja zum Glück viele verschiedene Gründe, sich auf ein völlig unbekanntes Buch einzulassen …

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Die Eismalerin
von Kristín Marja Baldursdóttir

übersetzt von Coletta Bürling

464 Seiten, € 8,95

ISBN 978-3596169320
erschienen bei S. Fischer

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