Walter Moers: »Der Schrecksenmeister«

Stellt euch den krankesten Ort von ganz Zamonien vor! Eine kleine Stadt mit krummen Straßen und schiefen Häusern, über der ein schauriges Schloss auf einem dunklen Felsen thronte. In der es die seltensten Bakterien und kuriosesten Krankheiten gab.

Wir haben lange auf ein neues Abenteuer aus Walter Moers‘ wundervoller Fantasiewelt Zamonien warten müssen; drei Jahre nach „Die Stadt der träumenden Bücher“ liegt nun Hildegunst von Mythenmetz‘ neues Buch vor, „ein kulinarisches Märchen“, wie es im Untertitel heißt.

Die Geschichte spielt in der Stadt Sledwaya, der krankesten Stadt Zamoniens: Tod und Verderben sind die täglichen Begleiter der Einwohner, es wimmelt geradezu vor Apothekern und Alchemisten, die Straßen sind erfüllt von Husten und laufenden Nasen, von Äthergeruch, dreckigen Mullbinden und dergleichen. In dieser Stadt gibt es keine gesunden Menschen.
Grund dafür ist der Schrecksenmeister Eißpin, der in einem alten und von Legenden und Gerüchten umrankten Schloss weit oben über das Geschehen in Sledwaya herrscht. Jeder füchtet ihn; er ist derjenige, der die Krankheiten über die Menschen bringt.

Eines Tages trifft er in den Straßen auf die völlig ausgehungerte Kratze Echo, mit der er einen Vertrag abschließt: Dreißig Tage lang will er dem Tier zu fressen geben, Echo mit den unglaublichsten kulinarischen Köstlichkeiten bewirten. Dafür darf er nach Ablauf der Zeit die Kratze töten und ihr Fett auskochen, welches er für sein bisher größtes Experiment noch braucht.
Da ein Tod mit vollem Magen allemal besser ist als elendig vor Hunger zu krepieren, willigt Echo in die Abmachung ein.

Was dann folgt, sind dreißig Tage Abenteuer: Der Schrecksenmeister nimmt seinen neuen Gast mit auf das Schloss und dort jagt ein Ereignis das andere: Echo schlägt sich den Bauch voll, er macht die Bekanntschaft der Ledermäuse und des alten Schuhus Fjodor. F. Fjodor, der in einem Schornstein auf dem eindrucksvollen Dach wohnt. Er lernt das Geheimnis Metarmophoser Mahlzeiten kennen, freundet sich mit einem Gekochten Gespenst an und wird von Eißpin nebenbei in alle Geheimnisse der zamonischen Alchemie eingeweiht.
In den ersten Tagen lässt es sich Echo gut gehen, doch je näher sein Todestag auch rückt, desto ängstlicher wird er und fasst schließlich einen Plan: Er will sich an die einzige noch in Sledwaya lebende Schreckse wenden, um sie um Hilfe zu bitten im Kampf gegen Eißpin.

Wer sich nach Moers‘ letztem Roman auf Vergleichbares gefreut hatte, wird mit diesem Buch wohl etwas enttäuscht werden: Es fehlt dem Ganzen an Spannung, das erste Drittel zieht sich unsagbar langsam dahin; die Geschichte braucht lange, um Fahrt aufzunehmen. Erschwerend hinzu kommt, dass sich beinahe ausnahmslos alles in den Gewölben des Schlosses abspielt. Die Stadt selber spielt kaum eine Rolle; die Idee von der „Stadt der Krankheiten“ ist zwar schön, wird aber nicht weiter genutzt und spielt eigentlich kaum eine Rolle für den Fortgang der Geschichte.
Schade ist auch, dass ich stellenweise das Gefühl hatte, dass Moers Aufzählungen wichtiger zu sein scheinen als Inhalt und Tiefe: Es wimmelt geradezu vor neuen Namen, die zwar toll klingen und einfallsreich sind, aber eben nur schmückendes Beiwerk für den Aufbau von Atmosphäre sind.

Bewundernswert ist hingegen, dass der Autor es trotz Eißpins hartem und abweisenden Wesen schafft, ihn immer näher zu charakterisieren und ihn wirklich plastisch zu beschrieben, ihn verstehbar zu machen und die Fassade, hinter der er lebt, immer weiter zu zerbröckeln.

Obwohl „Der Schrecksenmeister“ vorangehenden Geschichten in punkto Einfallsreichtum und Innovation wohl nicht das Wasser reichen kann, ist es doch ein typischer Moers, mit all den kleinen und liebenswürdigen Details, die wir eben von ihm kennen und an ihm schätzen. Es ist ein solider Roman, den man durchaus weiterempfehlen kann. Er überrascht kaum, aber er verzaubert dennoch.

derschrecksenmeister

Der Schrecksenmeister
von Walter Moers

384 Seiten, € 10,99

ISBN 978-3492253772
erschienen bei Piper

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