Sandra Hoffmann: »Liebesgut«

Es gab keine Ursache für die Unruhe, die meinen Körper vereinnahmte.

Vermutlich kennen wir es alle, dieses Gefühl der Leere, nachdem uns ein lieber Mensch verlassen hat. Da dauert es Tage, bis man sich daran gewöhnt hat, dass man seinen Kaffee fortan allein trinken wird. Und es dauert vermutlich noch viel länger, bis man sich wirklich mit der Situation abgefunden hat und wieder von vorne anfangen kann.
Wir kennen dieses Gefühl, und das, was uns die Autorin hier beschreibt, ist für uns alle nichts Neues. Wir kennen allerdings auch Menschen, denen es eben so ergeht: Menschen, die verlassen wurden und mit den Konsequenzen zu kämpfen haben. Und was verbindet uns mit diesen Menschen? Gar nichts. Wir hassen sie sogar regelrecht, weil sie sich in ihrem Selbstmitleid beinah aufzuösen drohen. Im tiefsten Innern können wir ja eigentlich auch frischgebackene Eltern auf den Tod nicht ausstehen, weil die ja außer ihrem Kind über nichts anderes mehr reden und uns damit mächtig auf den Nerv gehen.
Und in dieser Geschichte ist nun eben Liebeskummer alles, was noch wichtig ist: Die Erzählerin wurde von einem Mann verlassen, den sie – selbstverständlich, denn wie sollte es auch anders sein – wirklich über alles geliebt hat! Nach den ersten zwei Seiten sind wir davon auch wirklich gänzlich überzeugt und fragen uns, was denn nun schon noch Großartiges kommen soll. Wir ahnen es schon und werden in unserer Annehme bestätigt: Gar nichts. Da kommt nichts mehr außer langatmigem, gefühlsduseligem Hinterherheulen. Mehr bietet uns Sandra Hoffmann nicht (wenn auch, zugegeben, das zumindest in einer wirklich tollen Sprache). Der Mann ist weg und das Leben hat seine Farbe verloren, alles erinnert noch an ihn, jeder Geruch, jeder Takt Musik und jede Straße.Das kennen wir doch alle.

Bist du glücklich?
Ja, auch wenn das Leben auf diese Weise schwieriger ist.

Und was mich konkret stört, ist gerade nicht dieses elegische Nicht-Von-Ihm-Loskommen, nein; das ist schließlich irgendwo menschlich und ganz natürlich. Mich nervt die Antriebslosigkeit der Erzählerin ganz schrecklich, diese völlige Gefühlsstagnation bei allem, was sie tut (oder besser: eben gerade nicht tut). Man möchte diese Frau eigentlich in einem fort ohrfeigen, weil sie sich so sehr an etwas festklammert, was es nicht mehr gibt.
Und vor allem aber fehlt mir einfach auch das Wissen, um diese Situation begreifen zu können: Die Geschichte setzt nach der Trennung ein, wir werden einfach mitten hineingeworfen in dieses große »Danach«, wir leisten Anja bei ihrem Liebesleiden mal mehr, mal weniger gelangweilt Gesellschaft – und am Ende wissen wir trotzdem nicht, wieso und vor allem woran diese anscheinend ganz einzigartige Liebe jetzt letztlich zerbrochen ist. Die Erklärung jedenfalls, die uns hier vorgelegt wird, ist mir einfach zu banal.

Zukunft. Das war nicht mehr unser Wort. Ein Wort fürs Museum der Erinnerung. Der Setzkasten im Kopf wurde voller und voller.

Es ist zwar ein stilistisch erfrischend feines Buch, man liest es gern zu Ende und freut sich insgeheim an den kleinen Details dieser wunderbaren Sprache und auch der Geschichte; das Ganze ist aber gleichzeitig eben auch von vorne bis hinten von einem allgegenwärtigen, wirklich schrecklich wehmütigen und vor allem selbstmitleidigen Grundtenor durchzogen, dem man nicht entkommen kann und der mir persönlich leider einfach viel zu dominant war.

Liebesgut
von Sandra Hoffmann

192 Seiten, € 17,90
(gebunden)

ISBN 978-3406563737
erschienen bei C. H. Beck

rezensiert von

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