Alper Canıgüz: »Söhne und siechende Seelen«

Mit fünf Jahren befindet sich der Mensch auf der Höhe seiner Reife, danach beginnt er zu faulen.

Alper Kamu ist schon irgendwie ein ziemlicher Kotzbrocken: Er ist vorlaut, hat immer das letzte Wort und ist mit seinen 5 Jahren bereits jetzt den meisten Erwachsenen intellektuell weit überlegen. Er hat, so scheint es, die Weisheit mit Löffeln gefressen, und weil er rhetorisch dazu mühelos imstande ist, lässt er das auch jeden spüren.
Zusammen mit den Jungs aus der Nachbarschaft tut er das, was normale Jungs eben tun: Fußball spielen, Krieg führen und fernsehen. Weil ihm das aber nicht reicht und der Zufall manchmal ein ziemlicher Fiesling ist, ist er eines Abends einfach zur richtigen Zeit am falschen Ort und wird Quasi-Zeuge eines Mordes: Als er den ehemaligen Polizeidirektor blutüberströmt in dessen Wohnung findet und die Polizei den Mord der Einfachheit halber einem stadtbekannten Verrückten in die Schuhe schieben will, nimmt sich Alper der Sache kurzerhand selbst an und beginnt, Nachforschungen in der Nachbarschaft anzustellen.

In welchem Land leben wir denn, dachte ich. Da ist jemand ermordet worden, und die Polizisten und die Staatsanwälte sitzen gemütlich vor der Glotze und machen bis zum Spielende keinen Finger krumm. Seltsamerweise führt das nicht zu Problemen, denn die Mörder tun ja dasselbe.

Am Ende von Alpers Weg in Richtung Wahrheit stehen unter anderem ein homosexueller Krämer mit Vorliebe fürs Autowaschen, ein Keller voller Seifenfiguren und ein Kette rauchender Staatsanwalt, der auch in einem Actionfilm mitspielen könnte. Während Alper den Mord Stück für Stück aufklärt, rettet er so ganz nebenbei noch seinen Vater vor der drohenden Versetzung und nimmt es mit dem größten Rowdie der Nachbarschaft auf. Und wenn er nicht grad die Welt rettet, liest er bei klassischer Musik ein paar Seiten Kafka oder Nietzsche und philosophiert vor sich hin.

»Sag mal, Kleiner, was willst du denn werden, wenn du groß bist?«
»Ich gedenke, die Hölle mit Blumen zu bepflanzen.«

Was auf den ersten Blick vielleicht wie ein handelsüblicher Krimi daherkommt, schlägt schon schnell eine ganz andere Richtung ein: Alper Canigüz brennt in »Söhne und siechende Seelen« ein Ideenfeuerwerk ab, das Hochachtung verdient. Er ist ein hervorragender Erzähler, der mit viel Witz und schwarzem Humor von der Angst vor dem Erwachsenwerden berichtet. Dabei herausgekommen ist ein kurzweiliger und dennoch nicht minder anspruchsvoller Roman, der für jeden etwas zu bieten hat: »Söhne und siechende Seelen“« platzt vor schrägen Ideen und Anspielungen, liest sich flott und macht einfach unheimlich Spaß.

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Söhne und siechende Seelen
von Alper Canıgüz

übersetzt von Monika Demirel

224 Seiten, € 14,90
(broschiert / kartoniert)

ISBN 978-3943562019
erschienen bei binooki

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