Philip Krömer: »Ymir oder: Aus der Hirnschale der Himmel«

Wir fallen aus allen Wolken.
Links und rechts je ein Motor, die heulen und schlagen die dünnen Wolken mit ihren Rotorblättern wie Sahne, kuttern sie wie Hirn, unter uns drei Handbreit Blech und dann kilometerweit Leere. Ein Nichts aus scharfem skandinavischem Seewind und vereinzelten Möwen unter den Füßen, das nun anfängt zu schrumpfen, sich zu verkürzen und uns unserer Bestimmung zuzuführen.
Die dort unten auf uns wartet (lauert).

Es ist der August des Jahres 1939, der Vorabend des zweiten Weltkriegs: Eine reichlich bunt zusammengewürfelte Expedition macht sich unter größtmöglicher Geheimhaltung auf gen Island. Sie besteht aus nur drei Personen: Karl, Schriftsteller und Ich-Erzähler, der als Protokollant berufen wurde (damit die heldenhafte Reise nicht wissenschaftlich-dröge wiedergegeben, sondern volksgefällig-aufregend weitererzählt werden kann), einen SS-Mann (vom Erzähler „KleinHeinrich“ getauft) fürs Grobe und schließlich „VonUndZu“ (wie schon angedeutet hat es der Erzähler nicht so mit Namen), ein Nazi-Dandy, natürlich Wagnerianer (Koffergrammophon samt „Tristan“ stets zur Hand), vor allem aber Alchemist und Ahnenforscher. Und den Ahnenforscher brauchen sie auch, hauptsächlich ist unsere kleine Reisegesellschaft nämlich auf der Jagd nach dem potentiellen Ur-Arier. Deshalb Island: Nachdem in den Höhen Tibets keine richtigen Ariervorfahren gefunden wurden, geht es nun ganz weit runter, denn beim Bau eines Bunkers für die NS-Elite im tiefsten Niemandsland fand sich ein scheinbar bodenloses Loch, aus dem jedoch stetig Wind weht. Also nichts wie ab nach unten und nachschauen, was man da so finden kann. Auch wenn der Abstieg gefährlich ist und erste Opfer schon recht rasch gefordert werden. Was bei einer Dramatis Personae von nur drei Nasen durchaus ein gewagter, soll heißen Respekt verdienend kühner Zug des Autors ist. Und auch nicht seine letzte Überraschung bleiben wird.

Ein Kamerad, ein Drittel unserer Expedition, möglicherweise das wichtigste Drittel, in wenigen Sätzen einfach aus dem Leben (und meiner Geschichte) gerissen. Eine Figur, die ich sorgsam einführte wie alle anderen – soll tot sein? Das wäre doch unsinnig!
Und dennoch ist es so. Weil der Tod keine Rücksicht auf den Erzählfluss nimmt, weil er vor jedermanns Türe steht – und vor denen der Bergsteiger besonders aufmerksam.

Doch die Show muss weitergehen, und so entspinnt sich vor dem Leser ein Abstieg ins Innere der Erde – beziehungsweise, wie uns der Erzähler als kleine Analogie immer wieder gern nahelegt, ins Gedärm des nordischen Ur-Riesen Ymir, aus dessen Knochen und Fleisch unsere Welt ja gestaltet sein soll. Passend und sehr schön illustriert werden die Etappen der Reise, von der Hirnschale bis zum Anus, durch entsprechende Kapitelüberschriften und übersichtliche anatomische Schaubilder. Eine sehr hübsche Idee, so wie das ganze Buch übrigens einen außerordentlich schmucken Eindruck schindet – vom schön-gelben Einband bis zu den nur latent-assoziativ passenden Illustrationen aus einem alten Medizinlehrbuch, die mehrfach den Text in leicht verstörender Weise würzen. Chapeau an den Verleger dafür!
Doch auch hinter der schönen Fassade wartet höchst Erquickliches. Es ist ein bisschen so, als würde Felix Krull ein Jules-Verne-Abenteuer erleben dürfen, was an uns Leser nun voll flottem Witz und kurzweiliger Spannung weitergegeben wird. Ganz nebenbei vermittelt man uns dann in den Zwischentönen und Randbemerkungen noch ein wenig von der Weltuntergangsstimmung, die den zweiten Weltkrieg einläuten sollte, was dem Romandebüt von Philip Krömer schließlich eine schön runde Note verleiht und es gleichzeitig auch zu mehr als nur einem feinen Schmöker macht.

Nun baut sich in meiner Geschichte merkliche Spannung auf, welche von einem fragilen Gerüst aus Neugierde getragen wird. All die offenen Fragen und ungeklärten Phänomene! Die unheimlichen Geräusche (was?), der SteteWind (wohin?), die gestiegene Temperatur (warum?). Ein ungeklärter Todesfall (Mord?). Als braver Bürger werde ich die Antworten liefern. Man will Literatur.
Die sollen sie (Sie) bekommen!

Nach etwas mehr als 200 hübsch gestalteten Seiten sind wir dann etwas schlauer, was denn hinter Ymirs Anus lauterte (für den Verfasser dieser Zeilen: ein kleine Enttäuschung) und was letztlich aus der Expedition wurde (dieses Ende gelang befriedigender). Das Motto ist trotzdem eher das mit dem Weg als Ziel. In gut gewählten Worten und mit stets ganz leicht antiquiert wirkenden Zungenschlag erzählt uns Philip Krömer von einer faszinierenden Reise und lässt dabei einiges an Ideenreichtum durchblitzen, wenn er beispielsweise Theorien zur Hohlwelt, eine brennende Hindenburg und den schallend-tönenden Liebestod in seine Geschichte einschleust. Und liefert somit einen schönen Reisebericht für verregnete Nachmittage (oder laue Sommerabende, aber Regen passt ein klein wenig mehr zur Rahmenhandlung).

Es lacht (das Abenteuer), und wie es lacht, mit aufgerissenem, lippen- und zahnlosem Schlund. In diese UnSchwärze sollen wir steigen? Über Ymirs versteinerte Zunge und dann hinab?
Natürlich sollen wir. Werden wir. Als brave Bürger, was bliebe uns anderes übrig?
Genau:
Nichts.

Ymir oder: Aus der Hirnschale der Himmel
von Philip Krömer

219 Seiten, € 19,90
(gebunden)

ISBN 978-3946120186
erschienen bei Homunculus-Verlag

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Ein Kommentar zu “Ymir oder: Aus der Hirnschale der Himmel”

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