Clemens J. Setz: »Indigo«

Ich nehme an, Sie würden gerne erfahren, was alles passiert ist, nachdem Sie das Bewusstsein verloren haben.

Nein, mit der Farbe Indigo hat dieser Roman im Grunde nichts zu tun. Vielmehr adaptiert er eine Idee aus der Esoterik, nach der es Kinder gibt, die übersinnliche Eigenschaften besitzen. Der Theorie zufolge sind diese an einer indigofarbenen Aura zu erkennen und um diese sogenannten Indigo-Kinder dreht sich Setz’ Roman. Auch wenn das indigofarbene Erkennungsmerkmal fehlt, greift er das Konzept von übernatürlichen psychischen Fähigkeiten auf und konstruiert eine Welt, in der das Indigo-Syndrom bereits zum Alltag gehört. Wie das iPhone und der iPod ist hier das iKind zu einer alltäglichen Bezeichnung geworden, die keiner weiteren Erklärung bedarf. Offenbar.

Doch wie äußern sich die Kennzeichen eines iKindes? Auch im Roman sind die betroffenen Kinder von einer Aura umgeben, die, wenn auch unsichtbar, von anderen Menschen umgehend bemerkt wird. Denn kommt einem nicht betroffenen Menschen eine iPerson zu nahe, hat dies extreme körperliche Auswirkungen zur Folge. Der nicht betroffenen Person wird enorm schnell schwindelig, ein starker Brechreiz und Kopfschmerzen treten auf. Gelinde gesagt ist die Gegenwart eines Indigo-Menschen nicht auszuhalten. Besonders bei Kindern ist das Syndrom stark ausgeprägt, im Alter lässt es vielfach nach.

Das Syndrom ist in Setz’ Roman stark verbreitet. Oft werden Betroffene als “Dingos” beschimpft, sie leben isoliert und haben, je nach Intensität der Aura, oftmals auch zu den eigenen Eltern nur notdürftigen Kontakt, da auch diese die Anwesenheit des iKindes kaum ertragen können.

Im Blickpunkt des Romans steht Robert, ein junger Erwachsener, bei dem das Indigo-Syndrom über die Jahre immer schwächer geworden ist – ein ausgebrannter Fall. Er lebt mit seiner Freundin zusammen und ist geprägt von einer manchmal kaum zu kontrollierenden inneren Wut und einem übermäßigen Hang zum Sadismus. Roberts Freundin baut ihm, wenn er sich anders nicht abreagieren kann, kleine Wuthäuschen, die er bei Bedarf zerstören kann. Generell findet er Gefallen an Berichten, Filmen oder Fotos, die beispielsweise Tierquälereien zeigen, und wirkt auf andere dadurch sowohl verstört als auch verstörend.

Die zweite Hauptfigur der Erzählung ist das fiktive Alter Ego des Autors: der Mathematiklehrer Clemens Setz. Er macht ein Praktikum in einer auf iKinder spezialisierten Schule und wird dort auf äußerst seltsame Vorfälle aufmerksam: auf das merkwürdige Verhalten der iKinder untereinander, auf den exzentrischen Leiter des Instituts und insbesondere auf das plötzliche Verschwinden von Kindern. Setz macht sich daran, die Hintergründe des Syndroms zu studieren und nach dem Verbleib der Kinder zu forschen. Dabei verstrickt er sich immer tiefer in eine Geschichte, die von Seite zu Seite skurriler wird.

Eine generelle Skurrilität ist das Leitmotiv dieses Romans. Vom Indigo-Syndrom selbst einmal abgesehen, verwendet Setz vielfach Begriffe, die erst viel später oder nur indirekt aus dem Kontext heraus erklärt werden – manchmal aber auch einfach gar nicht. Die Protagonisten Clemens Setz und Robert bleiben beide auf ihre Art und Weise rätselhaft. Wo Robert sich übermäßig am Leid anderer erfreut, ist Setz das genaue Gegenteil, und zart besaitet wendet er sich beim geringsten Anzeichen von Gewalt oder Grauen umgehend ab. Auch der Umgang mit nahestehenden oder fremden Menschen ist bei beiden nur schwer nachvollziehbar. Immer wieder streut der Autor zudem merkwürdige Details von außergewöhnlichen Menschen oder Begebenheiten ein, von der Ausrottung der Dodos über Hunde im Weltall bis hin zum einsamsten Baum der Welt.

Begleitend dazu spickt Setz den Roman mit zahlreichen Anspielungen auf das Science-Fiction- und das Comic-Genre. So denkt Robert oftmals an fragwürdige Sinnsprüche vom von Adam West verkörperten Batman der klassischen 1960er Jahre-Serie und unterhält sich mit Bekannten ausgiebig über Star Wars. Und insbesondere Star Wars scheint auf Setz einen großen Einfluss gehabt zu haben. Wohl kaum zufällig thematisiert Robert auch die Midi-Chlorianer, deren Konzentration im Körper bei Star Wars dafür verantwortlich ist, wie empfänglich die jeweilige Person für die Macht ist. Setz überträgt die Macht auf die iKinder – doch ist die Macht in Star Wars vielfältig anwendbar, so ist das Indigo-Syndrom im Roman salopp gesagt nur “zum Kotzen”.

Die Grundidee hat durchaus ihre Reize. Doch krankt “Indigo” insbesondere daran, dass in weiten Teilen des Romans schlichtweg gar nichts passiert. Wie eine fortwährende Zustandsbeschreibung ohne fortlaufende Handlung dreht sich alles um die Konstruktion des Seltsamen, Befremdlichen. Dabei ist aber so manches Element, das seitens Setz wohl verstörend wirken soll, für Horror zu schwach, für Interesse des Lesers aber auch zu unerklärt. Zudem wirkt auch die Sprache übermäßig konstruiert und beginnt schon vor dem x-ten “wie”-Vergleich, anstrengend zu werden.

Interessant andererseits ist der Roman durch seine Drucklegung: So werden nicht nur passend zu Ausschnitten aus wissenschaftlichen Aufsätzen Bilder abgedruckt, es wird auch vielfach mit Schriftarten gespielt. Bei älteren Artikeln wird beispielsweise Fraktur genutzt, die Inhaltsangabe zu Beginn des Buchs ist in Setz’ Handschrift verfasst. Ein schöner Effekt, der aber nicht sonderlich dabei hilft, sich durch den zähen Inhalt von “Indigo” zu schleppen. Viel zu ertragen der Leser hier manchmal hat, wenn bis zur letzten Seite er sich kämpfen will.

Indigo
von Clemens J. Setz

479 Seiten, € 22,95
(gebunden)

ISBN 978-3518423240
erschienen bei Suhrkamp

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