Milchzähne

Der Nebel hat das Meer verschluckt. Wie eine Wand steht er dort, wo der Strand beginnt. An den Anblick des Wassers kann ich mich nicht gewöhnen. Immer suche ich nach einem gegenüberliegenden Ufer, das mir Halt geben könnte, aber bis auf Meer und Himmel ist da nichts. An diesigen Tagen verschwimmt selbst diese Grenze.
Erst verschluckte der Nebel die Landschaft, Die Vögel fielen desorientiert und angekohlt vom Himmel und starben. Dann kam die Sonne und mit ihr eine unerbittliche Hitze und alles verlor seine Farbe. Fell und Gefieder der Tiere wurden heller und heller, bis sie schließlich weiß waren.

In dieser lebensfeindlichen Landschaft lebt Skalde mit ihrer Mutter Edith. Beide verbindet das Ausgeschlossensein von den anderen, von jenen, die schon immer hier lebten und die alles von außen Kommende mit Missgunst und Ablehnung strafen. Auch Skalde wurde hier geboren, aber Edith kam vor vielen Jahren über den Fluss in die Gegend – und das obwohl die große Brücke über den Fluss, die einzige Verbindung, auch damals schon gesprengt war. Das macht sie beide zu Außenseiterinnen.

»Wieso haben sie Angst vor mir?«, fragte sie.
»Weil du nicht so bist wie sie«, antwortete ich.
Ausfallende Milchzähne sind es, die zeigen, dass man aus der Gegend ist, dass man kein Fremder ist, der nur Unheil bringt. Wenn die Milchzähne ausfallen, gehört man dazu. Mehr oder weniger. Denn zwar fielen Skalde die ersten Zähne aus, trotzdem war ihre Kindheit in dieser rauen, versprengten Gesellschaft alles andere als einfach. Doch der Mechanismus der Verdrängung scheint größer zu sein als die Einsicht über die lebensfeindliche Umwelt. Skalde hat sich mit ihrer Umgebung zurechtgefunden, es ist ihre Heimat. Bis sie ein Mädchen mit feuerrotem Haar allein im Wald findet und Skaldes Leben damit auf den Kopf gestellt wird. Denn das Mädchen ist keine von ihnen.

Atmosphärisch dicht handelt Helene Bukowskis Debütroman „Milchzähne“ von einem Leben auf der Flucht vor dem Klima, von dem Versuch der Anpassung an die Erbarmungslosigkeit der Hitze, an die Schroffheit der Menschen in einer Art von klimatischer Präapokalypse. Es ist ein Roman über die schwierige Definition von Heimat, der anschaulich das Außenseitersein beschreibt, das Ausgestoßenwerden und den Rückfall der Menschen in Aberglauben und tiefes Misstrauen, sobald die Ressourcen knapp werden. Und »Milchzähne« ist die Geschichte einer schwierigen Mutter-Kind-Beziehung, von Brutalität, Apathie und der Liebe zur Literatur, von Verlust und Fürsorge.

Die kurzen Sätze und die schnelle Art des Erzählens machen den Roman zu einem temporeichen Debüt, das auf mehr hoffen lässt – auf viel, viel mehr, nach diesen 220 viel zu schnell durchflogenen Seiten.

Milchzähne

256 Seiten, € 20,00, gebunden
Blumenbar, ISBN 978-3351050689

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Rezensiert von Rike Zierau am 16. Februar 2021