Volker Weidermann: »Das Buch der verbrannten Bücher«

Was sind das alles für Leute? Was sind das für sonderbare, nie gehörte Namen? Hans Sochaczewer, Otto Linck, Hermann Essig, Maria Leitner, Alfred Schirokauer, Ernst Johannsen, Albert Hotopp, Rudolf Geist, Alex Wedding und viele, viele mehr? Sie alle sind heute vergessen. Sie alle haben Bücher geschrieben, die den nationalsozialistischen Machthabern und ihren Helfershelfern in Deutschland vor fünfundsiebzig Jahren so gefährlich erschienen, dass man sie öffentlich verbrannte.

Ausnahmsweise mal ein Sachbuch, denn dieses Buch ist wichtig. Es vereint in sich die Erinnerung an all jene, deren Namen im Mai 1933 auf der Liste der Bücherverbrennung standen, deren Werke in vielen großen Städten in Deutschland aus den Universitäts- und Stadtbibliotheken genommen und auf den Scheiterhaufen geworfen wurden, weil sie zu freiherzig, zu links, zu pazifistisch oder einfach zu ehrlich waren.
Einige der Namen kennt man noch, einige haben es geschafft, auch während des Krieges und danach bekannt zu bleiben – Namen wie Erich Maria Remarque, Heinrich Mann, Joachim Ringelnatz, Bertolt Brecht oder Erich Kästner sind noch heute wohl jedem ein Begriff. Aber neben jenen, die das Exil oder die Innere Emigration überstanden, gab es eine umso größere Anzahl jener, deren Werke mit der Verbrennung an jenem 10. Mai in Vergessenheit gerieten und dort blieben. Die ins Exil gedrängt und dort vergessen wurden, die weiterschrieben und danach nicht mehr publizieren konnten, weil sich kein Verlag der vergessenen Schreiber mehr annahm. Die den Krieg nicht überlebten. Deren Werke heute noch immer kaum jemandem etwas sagen werden.

Volker Weidermann erinnert an all jene. Dem Buch liegt die komplette Liste von 1933 zugrunde und einen Namen nach dem anderen geht er durch, verfolgt das Schicksal der so unterschiedlichen Männer und Frauen, ihre Lebensgeschichten, die 1933 allesamt einen Bruch mit dem Gewesenen aufweisen, die sich anpassten, die widerständig blieben, die gingen oder starben. Viele tragische Schicksale sind hier vereint, auch die Geschichten vieler Anpasser, die hofften, im Dritten Reich durch Annäherung weiter ihrem Brotberuf des Schriftstellers nachgehen zu können. Und ein Großteil sind Geschichten aus dem Exil, aus aufgezwungener Heimatlosigkeit, an der viele der Schreiber zugrunde gingen.
Dieses Buch setzt dem Vergessen, das nach wie vor herrscht, dem traurigen Sieg, den die Nazis durch die Bücherverbrennung noch bis heute im kollektiven Gedächtnis hinterlassen haben, ein Ende. Auch wenn es, wie im Vorwort schon angekündigt, keine literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Werken der Autoren ist und der Ton manchmal ein wenig salopp daherkommt (so muss man vielleicht nicht unbedingt von »Hölderin-Nachfolge in super-heilig« schreiben oder mit »allerdings eher so mittellustig« bewerten), ist es größtenteils eine sehr ernsthafte, gute und genaue Zusammenstellung, die den Autor mit Sicherheit sehr viel Zeit und Arbeit gekostet hat, denn viele der Werke, die damals verbrannt wurden, wurden danach nicht mehr neu verlegt und sind dementsprechend schwierig zu beschaffen. Hier bemüht sich jemand um Vollständigkeit. Weidermann zeichnet die Vorgeschichte der Bücherverbrennung nach, zählt auf, welche Werke es waren, die dazu geführt haben, auf dem Bücherscheiterhaufen zu landen, führt gute und schlechte Literatur der Autoren an und auch Werke, die nach der Bücherverbrennung entstanden – sei es im Exil, in Anbiederung an das neue Regime oder nach dem Ende des Krieges. Ein sehr spannendes Buch für all jene, die sich mit der neueren deutschen Literaturgeschichte beschäftigen wollen. Ein Buch, das dabei hilft, Erinnerungslücken, die nicht sein dürfen, zu schließen.

Das Buch der verbrannten Bücher
von Volker Weidermann

236 Seiten, € 9,00

ISBN 978-3442737383
erschienen bei btb

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