Anna Seghers: »Transit«

Die »Montreal« soll untergegangen sein zwischen Dakar und Martinique. Auf eine Mine gelaufen. Die Schifffahrtsgesellschaft gibt keine Auskunft.

Wir befinden uns im Frankreich des Zweiten Weltkriegs. Ein namenloser Erzähler ist zusammen mit einigen anderen Häftlingen aus einem deutschen Lager geflohen und nun – wie Tausende andere auch – auf der Flucht vor den Nazis und Ihrer Hakenkreuzflagge. Über Rouen gelangt er nach Paris und bleibt schließlich in Marseille hängen, wo die Menschen sich mit der Hoffnung auf eine Schiffreise noch über Wasser halten. Es könnte alles ganz einfach sein, aber das ist es ja nie: Das Meer liegt direkt vor den Füßen, die Freiheit zum Greifen nah, aber davor steht noch eine schier unüberwindbare Schranke der Bürokratie. Es heißt sich um Visa zu kümmern und Transitscheine für die Reise übers Meer.
Unser Erzähler hat anfangs nur ein spöttisches Lächeln für die Bemühungen der anderen übrig, die all ihre Kraft auf die Passierscheine verwenden – bis er eine Frau kennen lernt und von einem Moment auf den anderen auch weg will, um zu fliehen. Und auf dem Weg bis zu seiner Abreise treibt er sich in der mit den unterschiedlichsten Flüchtlingen vollgepfropften Stadt umher, haut sein hart erbetteltes Reisegeld in Cafés auf den Kopf und trifft so manchen alten Bekannten wieder.

Ich aber, ich hatte nichts, woran ich mich halten konnte. Ich legte mich zu Bett, weil ich fror. Ich wünschte mir ihr Gesicht zurück, einen Schimmer ihrer Gestalt. Ich suchte und suchte im dünnen, bitteren Rauch meiner Zigaretten, der langsam das Zimmer füllte. Das Haus war ausgestorben.

Auch auf die Gefahr hin, mich mit dieser Aussage selbst ans Messer der Germanisten und Literaturliebhaber zu liefern: »Transit« ist ein wirklich beeindruckend unspannender und langweiliger Roman, wie ich lange keinen mehr gelesen habe. Die Geschichte verliert sich heillos in Seghers Episodenhaftigkeit und ist über und über voll mit Langatmig- und Belanglosigkeiten, von denen ich schon früh die Nase voll hatte: Der Erzähler bleibt unfassbar, all sein Tun und Handeln ist nicht wirklich nachvollziehbar und hat den Anschein von großer Willkürlichkeit. Auch die Personen, die er täglich haufenweise in der Stadt zu treffen scheint, tragen nicht unbedingt dazu bei, den Roman stringenter oder inhaltsvoller zu machen – im Gegenteil: Sie machen ihn noch schwerer, noch zäher, und langweilen schnell.
Ich persönlich konnte mit dem Flüchtlingsbild, das Anna Seghers hier zeichnet, überhaupt nichts anfangen. Zum einen ist es schön, mal wieder einen Kriegsroman in der Hand zu halten, in dem der Krieg ausnahmsweise nicht Seite für Seite allgegenwärtig sein muss – zum anderen aber ist das Hin- und Hergerenne nach Formularen und Bescheinigungen beinahe das Einzige, was an Inhalt noch bleibt. Das ist ermüdend, und dafür hätte man vor allem nicht 300 Seiten füllen müssen!

Damals hatten alle nur einen einzigen Wunsch: abfahren.
Alle hatten nur eine einzige Furcht: zurückbleiben.

Transit
von Anna Seghers

290 Seiten, € 7,99
(broschiert / kartoniert)

ISBN 978-3746651538
erschienen bei Aufbau Verlag

» Leseprobe

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Ein Kommentar zu “Transit”

  1. Anna Seghers‘ „Transit“ ist ohne Frage ein düsterer, bedrückender Roman, der nicht davon absieht, den Leser mit seinen Längen zu quälen. Das liegt vor allen Dingen daran, dass „Transit“ ein Buch über das Warten ist. Die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam in Marseille, und weder die Verwaltung der überquellenden Stadt, noch die durch Konsulate vertretene freie Welt ist sonderlich erpicht darauf, jedem dahergelaufenen Flüchtling dauerhaftes Asyl zu gewähren. So bleibt jenen nur die ermüdende Vorbereitung ihrer Abreise, die neben dem Gerenne zwischen Ämtern, Präfektur und Konsulaten hauptsächlich aus Warten besteht. Den eintönigen, sich ständig wiederholenden Alltag der Flüchtlinge schildert die Autorin bis hin zur Banalität derart detailliert, dass sich hinter den müden Augen des Lesers bisweilen eine betäubende Leere breitmacht. Schnell stellt man fest, dass die Inhaltsangabe des Klappentextes angesichts der knapp dreihundert Seiten des Romans erschreckend umfassend ist. Selbst die Handlungselemente, durch die „Transit“ zwischenzeitlich an Schwung zu gewinnen scheint (Identitätstausch, eine Liebesgeschichte), versickern so wirkungslos im langweiligen Alltagsgeschehen, wie der koffeinbefreite Kaffeeverschnitt in den Mägen der müden Wartenden.

    Möglicherweise ist das Ringen mit einem monströsen bürokratischen Apparat aus einer gegenwärtigen Perspektive nicht mehr aufregend und ungeheuerlich genug, um als Romanhandlung zu fesseln. Möglicherweise ist „Transit“ so zäh, weil es die Bürokratie als einen der langweiligsten Aspekte des modernen Lebens mit einer Genauigkeit abbildet, die wir für seine Betrachtung sonst nie aufbrächten. Der Roman dokumentiert nicht nur die Idiotie bürokratischer Kontrolle, sondern zeigt, wie sie die ihr Unterworfenen zunehmend entmenschlicht. Solidarität verkommt unter den „Abfahrtsbesessenen“ zum kalkulierten Handel mit Gefälligkeiten. Die Flucht aus Europa ist ein Rennen von Einzelkämpfern. Wer weder sich selbst, noch anderen helfen kann, wird häufig zurückgelassen. Das eigene Vorankommen wird mit einem triebhaftem Egoismus verfolgt, der auf sämtliche Lebensbereiche übergreift. Liebe ist in Seghers‘ Marseille wenig mehr als Intrige, Kompromiss und Berechnung. „Transit“ ist ein sozialkritischer Roman, und hauptsächlich als solcher lesenswert.

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