Pauline de Bok: »Blankow oder Das Verlangen nach Heimat«

Im Jahr 1817 zog eine Schlichtungskommission eine gerade Linie vom Dornhainer See zum Erlensee. Mit den Grenzstreitigkeiten zwischen Preußen und dem Großherzogtum Mecklenburg-Strelitz sollte endlich Schluss sein.

Deutsche Geschichte! – das ist so ein Begriff, mit dem wohl jeder von uns auf seine ganze eigene Weise umzugehen scheint: Die einen berührt er, die anderen haben nicht viel mehr als ein müdes Nicken dafür übrig, weil ihnen in der Schule eine beinahe schon erzwungene Auseinandersetzung mit dem Thema anerzogen wurde. Die Frage nach einer Kollektivschuld ist – genauso wie die Diskussion um das Für und Wider der Todesstrafe – hervorragend geeignet, selbst die geselligste Runde innerhalb von Minuten in zwei feindliche Lager zu spalten.
Ich persönlich jedenfalls zähle mich zu dem Teil, dem die nicht enden wollende Überthematisierung von Nazideutschland und Ost-West-Graben inzwischen gehörig zum Hals heraushängt. Dementsprechend hatte ich so meine Vorbehalte dem Roman gegenüber und durfte schon sehr bald mit Erleichterung feststellen, dass meine Skepsis völlig unbegründet war.

Es geht Pauline de Bok gar nicht so sehr um Handlung, »Blankow« ist in erster Linie ein historischer Roman, aber anders, als man sich das vielleicht vorstellt: Am Beispiel eines weitläufigen Gehöfts in der trostlosen Einöde Mecklenburg-Vorpommerns erforscht sie ein Stück Geschichte, aber mit unverstelltem Blick auf die Kleinigkeiten. Sie hat ausgiebig zur Vergangenheit dieses Ortes recherchiert und die Geschichten all der Menschen, die dort einmal gelebt haben, zusammengetragen. Sie hat mit denjenigen gesprochen, welche die letzte Zeit auf Blankow noch selbst miterlebt haben, und aus all diesen einzelnen kleinen Erinnerungen ein großes, lebendiges Stück Zeitgeschichte geformt, fiktiv zwar in der Namengebung, aber nicht in dem, was geschehen ist.
Blankow selbst ist nur einer dieser vielen falschen Namen, aber es ist gleichzeitig auch ein Symbol für die Heimatlosigkeit eines jeden von uns. Es ist selbst ein Stück verlorener Halt, den viele von uns irgendwie in sich tragen: »Das Verlangen nach Heimat« eben.

Das letzte Mal, was bedeutet das. Der letzte Blick. Hilflose Wahrnehmung, während die Zeit weitertickt, und dann ist es vorbei.

Erzählt wird das alles auf den ersten Blick ganz unscheinbar, mit der trockenen und akribischen Sachlichkeit eines Menschen, der sich auf seiner Spurensuche weit bis ins Leben anderer vorwagt. Pauline de Bok webt all diese Vergangenheitsfäden mit großem Respekt vor den einzelnen Schicksalen und ohne jede eigene Wertung zu einem großen Bild zusammen und haucht »ihrem« Blankow so nach und nach immer mehr Leben ein.

Mich fröstelt. Immer wird die Zukunft wieder Vergangenheit, bis ich selbst vorbei sein werde.

Neben der Poesie, die der Roman trotz seiner Sachlichkeit durchaus besitzt, ist auch Platz für ein wenig geschichtliches Wissen. Das nimmt man sozusagen automatisch mit beim Lesen. Und gerade weil Pauline de Bok abseits von aller Schwarzweißmalerei nicht einfach die Täter-Opfer-Schublade aufzieht, sondern sich vielmehr ehrlich auf die Zwischentöne dieser vielen Leben einlässt, ist »Blankow« ein wirklich lesenswertes Buch.

Blankow oder Das Verlangen nach Heimat
von Pauline de Bok

321 Seiten, € 9,95

ISBN 978-3458357698
erschienen bei Insel Verlag

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