Victor Lodato: »Mathilda Savitch«

Ich will gemein sein. Schreckliche Gemeinheiten machen, und warum eigentlich nicht?

Mathilda Savitch ist ein 13 Jahre altes Mädchen, das gerade am Anfang ihrer Pubertät steht – einer Zeit, in der die Welt sowieso schon aus den Fugen zu geraten droht. Doch vor fast einem Jahr ist zudem ihre ältere Schwester Helene gestorben und die Personen, die einmal Mathildas Eltern waren, verhalten sich seitdem nur noch seltsam. Wie geht man mit dem Tod um, als übrig gebliebenes Kind? Wie geht man mit dem Leben um, wenn die Eltern wie aufgezogene Spielzeuge reagieren, in ihren Existenzen zu verschwinden drohen; wenn zu Hause nichts mehr so ist, wie es vorher war? Mathilda hat ihre eigene Art und Weise, mit dieser Situation zurecht zu kommen und gerade heraus lässt sie den Leser an ihren Gedanken teilhaben.

Damals hätte ich Pa sicher recht gegeben, dass sie die Richtige zum Heiraten sei. Aber hätte ich gewusst, was ich jetzt weiß, hätte ich ihn überredet, eine andere zu nehmen, eine Tänzerin oder eine Sängerin, vielleicht auch eine Polizistin. Jemanden, auf den man sich verlassen kann. Keinen Bücherwurm, keine, die einfach verschwindet. Wenn mich irgendjemand fragt, was meine Mutter macht, werde ich von jetzt an einfach sagen, sie sei ein weiblicher Houdini. Wäre es nicht großartig, so eine Mutter zu haben?

Mathilda sucht nach Antworten. Immer wieder kreisen ihre Gedanken um den Tod ihrer Schwester – antastend, vorsichtig, denn es könnte alles einreißen, würde man der Wahrheit vollständig ins Auge blicken. Und nach und nach versteht der Leser auch, weshalb.

Streckenweise habe ich mich beim Lesen gefragt, ob der Autor die Sicht einer 13-jährigen gewählt hat, um einmal einen scheinbar unbedarften Blick auf die amerikanische Gesellschaft werfen zu können. Aus Mathildas Sicht sind die Anschläge auf das World Trade Center passiert, als sie noch ein Baby war – sie wächst in einer Welt auf, in der die Angst vor dem Terrorismus scheinbar allgegenwärtig ist und auch im Roman wird die Terrorgefahr durch Mathilda immer wieder angesprochen: sie sorgt sogar vor und übt für den Ernstfall.

Als er seine Tasche vom Rasen holte, sah Anna mich an, wie um zu sagen ‚du musst ja wissen, was du tust’. Ganz recht, gab ich mit meinem Blick zurück, denn ich weiß es wirklich. Ich weiß genau, was wir tun. Wir schaffen die Zukunft. Dazu gehören Leute, die in Kellern leben, um sich vor Bomben zu schützen. Und wenn das Ende der Welt gekommen ist, wird der einzige Neuanfang von den Jungen und Mädchen im Untergrund ausgehen. Eines Tages werden wir herauskriechen ins Sonnenlicht, falls es noch eine Sonne gibt, und ganz von vorn beginnen. Nichts wird sein. Alles auf der Welt muss neu erfunden werden.

Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich mich mit der Protagonistin zurecht fand, mit ihren Gedanken und ihren spontanen, manchmal so unverständlichen Entscheidungen, die sie trifft. Es ist ein Drahtseilakt zwischen einer altklugen und einer wunderbar naiven Weltsicht, mit der Mathilda versucht, sich im Leben zurecht zu finden. Und nach einer Weile ist es mir ans Herz gewachsen, dieses Mädchen, das so anrührend, so verrückt, aber auch so verletzlich und nachdenklich auf die Welt blickt. Trotz meiner Startschwierigkeiten muss ich sagen, dass es ein wirklich schöner Roman ist, der mir sehr gefallen hat.

Mathilda Savitch
von Victor Lodato

299 Seiten, € 17,90
(gebunden)

ISBN 978-3406590740
erschienen bei C. H. Beck

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