Sören Kierkegaard: »Tagebuch des Verführers«

Nicht kann ich sie mir selbst verhehlen, kaum kann ich jene Angst beherrschen, die mich in diesem Augenblick ergreift, da ich in meinem eigenen Interesse beschließe, eine genaue Reinschrift jener flüchtigen Abschriften vorzunehmen, die ich mir seinerzeit nur in größter Hast und mit viel Unruhe zu verschaffen imstande war.

Der Protagonist in Kierkegaards tiefschürfendem Werk „Tagebuch des Verführers“ bekommt zufällig Abschriften von den tagebuchähnlichen Aufzeichnungen seines engen Freundes Johannes zu Gesicht, in denen dieser seine erotischen Eskapaden und romantischen Momente detailliert und wahrheitsgetreu, aber ebenso literarisch verfasst.
Eingeleitet wird das Buch durch die Gedanken jenes Freundes über den bezwingenden doch ebenso zweifelhaften Genius, mit dem Johannes das unschuldige junge Fräulein Cordelia zu einem bedingungslosen, echten Liebesverhältnis verführt, sie jedoch am Ende fallen lässt. Neben den Gedanken von Johannes‘ Freund werden auch einige kurze Briefe des verzweifelten Mädchens vorangestellt, die sie nach der Auflösung des Verhältnisses verfasst. Der darauf folgende Bericht von Johannes über die Begegnung mit und die Entwicklung der Beziehung zu Cordelia gibt einen tiefen Einblick in seine wahren Absichten und manipulativen Spielchen, mit denen er Cordelia in die Irre führt (oder sie erst zu einem vollkommenen Menschen macht?).

Johannes ist kein oberflächlicher Charmeur und Lebemann, doch er verliebt sich oft und gern. Jede Liebe hat für ihn ihren Reiz, ob sie stark ist oder flüchtig, leidenschaftlich oder selbstzerstörerisch, jede Frau wird von ihm auf ihre ganz eigene Art geliebt. Cordelia trifft er zunächst nur flüchtig, hört erst nur ihre Stimme und sieht ihren Schatten, doch folgt er ihr und schließt wie zufällig Bekanntschaft. Dann beginnt das Spiel.

Sie lebt nun dahin in all ihren stillen Frieden; sie ahnt noch nicht, daß es mich gibt, noch weniger, was in meinem Inneren vorgeht, noch weniger die Sicherheit, mit der ich in ihre Zukunft schaue; denn meine Seele fordert mehr und mehr die Wirklichkeit, sie wird stärker und stärker.

Immer wieder fädelt Johannes durch aufwändige Vorarbeit und stundenlanges Beobachten kurze, scheinbar bedeutungslose Treffen ein, sodass er stets in ihrem Leben präsent bleibt, sich ihre Aufmerksamkeit aber nicht auf ihn zentriert. Er gibt sich zunächst sogar unhöflich und erregt durch ihre Abneigung, doch gehört das zu seinem Kalkül. Denn bevor Cordelia bereit ist ihn zu lieben, muss sie zunächst sich selbst erkennen und ein vollwertiger Mensch werden, der trotz allem seine Unschuld und Mädchenhaftigkeit bewahrt. Johannes sieht es als seine Aufgabe, sie dorthin zu geleiten und sie indirekt zu lenken. Dazu benutzt er einen jungen Mann, Edvard, der unsterblich in Cordelia verliebt ist und sie umwirbt. Johannes freundet sich mit ihm an und hilft ihm bei dem Versuch, sich Cordelia zu nähern. Allerdings tut er das mit dem Hintergedanken, Cordelia zu zeigen, was sie nicht will: eine leidenschaftslose, aber liebevolle Beziehung zu einem bodenständigen, doch ebenso langweiligen Mann, der sie vergöttert.
Während der ganzen Zeit, in der er seinen Freund bei der Brautwerbung unterstützt, nähert Johannes sich Cordelia und bringt sie dazu ihn erst zu mögen und später sogar zu lieben.
Mit all diesen manipulierenden, hypnotisierenden Manövern schafft er es schließlich, sich mit Cordelia zu verloben. Doch war das nie sein Ziel. Denn erst wenn Cordelia erkennt, dass die Schranken der Ehe ihre Liebe zu Johannes einzwängen und bevormunden, kann sie ihn wahrhaftig lieben. Sie glaubt, ihn dann halten und enger an sich binden zu können. Das Ziel, die Verwirklichung der ehrlichen Liebe, kann nur durch Cordelias Auflösung der Verlobung selbst erreicht werden.

Das Band zerreißt – sehnsuchtvoll, stark, kühn, göttlich fliegt sie davon wie ein Vogel, der erst jetzt seine Schwingen entfalten darf.

Es bleibt nichts übrig als das Versprechen der Liebe, kein Ring, auf den sie sich berufen kann. Nachdem Johannes erreicht hat, was er wollte, wendet er sich von ihr ab und einer neuen Liebesgeschichte zu.

Kierkegaard dringt auf eine unheimliche und virtuose Art in die Tiefe der menschlichen Psyche ein, dass man sich Sorgen um seine eigene Autonomie macht. Wie kann ein Mensch so form- und lenkbar sein, ohne es zu bemerken – und wie schafft es Johannes, die Entwicklung, Handlungen und tiefsten Empfindungen eines Menschen so detailliert vorhersagen zu können? Gerade dieses Spiel mit der Psyche und den Schwingungen der Liebe macht das Buch beängstigend und atemberaubend spannend.

Tagebuch des Verführers
von Sören Kierkegaard

übersetzt von Helene Ritzerfeld

234 Seiten, € 6,50

ISBN 978-3458338352
erschienen bei Insel Verlag


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