Jeffrey Eugenides: »Die Selbstmordschwestern«

An dem Morgen, als die letzte Lisbon-Tochter Selbstmord beging – Mary diesmal, mit Schlaftabletten wie Therese -, wussten die Sanitäter schon genau, wo die Schublade mit den Messern war, wo der Gasherd und wo im Keller der Balken, an dem man das Seil festbinden konnte.

Fünf Schwestern, fünf Selbstmorde. Eine Familie in einer amerikanischen Kleinstadt, die – so scheint es – vom Pech verfolgt ist.

Der erste Selbstmordversuch der jüngsten Tochter sorgt für heillose Aufregung und Besorgnis. Als Cecilia dann irgendwann auf einen Zaunpfahl gespießt gefunden wird, gerät die nachbarschaftliche kleine Welt vollends ins Trudeln: Die Eltern sperren die übrigen vier Schwestern weg und die Familie verbarrikadiert sich aus Scheu und Angst vor der Presse im Haus. Während der Tod von Cecilia draußen vor der Tür jeden beschäftigt, verfällt der Rest der Lisbons nach und nach in Apathie. Monate vergehen, bis die übrigen Mädchen wieder hinausgelassen in die Welt. Und als es endlich so weit ist, dass die Normalität langsam wieder Einzug hält in die Straße, lassen auch die übrigen vier Selbstmorde nicht mehr lange auf sich warten.

So viel ist in den Zeitungen über die Mädchen geschrieben worden, so viel ist über Gartenzäune hinweg gesagt oder über die Jahre in psychiatrischen Praxen gesprochen worden, dass wir nur eines mit Sicherheit wissen: wie unzureichend alle Erklärungen bleiben.

Jeffrey Eugenides ist ein erstklassiger Erzähler. Wie er immer wieder vom Hundertsten ins Tausendste kommt, ins Schwärmen gerät, Details streut, mit Nebensächlichkeiten um sich wirft .. das ist ganz groß. Dieses Buch lässt sich nur schwer wieder aus der Hand legen, weil die Geschehnisse dank der Erzählkunst des Autors so eine starke Sogkraft entwickeln, dass einem schwindlig wird.

Man kann in der Geschichte sicher so einige sozialkritische Punkte aufstöbern: Eine mit der Normalität der anderen überforderte Jugend, Erziehungsfehler, traurige Kleinstadtromantik. – Man kann sich aber auch einfach einlassen auf die Geschichte und gespannt die Erzählungen und Beobachtungen verfolgen, die der Erzähler viele Jahre später anstellt. Das Ganze als einen Bericht aufzuziehen, der auf der Suche nach Beweisen und Zeugen viele Jahre später aufgesetzt wird, ist nämlich eine ganz tolle Idee. Das schafft genug Distanz zum Geschehen und gleichzeitig auf eine fast schon perverse Weise auch Intimität.

Ich frage Sie; Ist Stumpfsinn ein Geschenk? Intelligenz ein Fluch? Ich bin siebenundvierzig Jahre alt und lebe allein.

Nicht zuletzt auch dank des treffsicheren, aber unaufdringlichen Humors Eugenides‘ ist »Die Selbstmordschwestern« unterm Strich eines jener Bücher, von denen man sich viele, viele mehr wünscht. Ein angenehm kurzweiliger Roman voller Ideen, den zu lesen einfach Spaß macht.

Die Selbstmordschwestern
von Jeffrey Eugenides

übersetzt von Mechthild Sandberg-Ciletti

256 Seiten, € 8,95

ISBN 978-3499234293
erschienen bei Rowohlt


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