Ian McEwan: »Kindeswohl«

London. Sonntagabend, eine Woche nach dem Ende der Gerichtsferien. Nasskaltes Juniwetter. Fiona Maye, Richterin am High Court, lag zu Hause auf der Chaiselongue und starrte über ihre bestrumpften Füße hinweg quer durch den Raum.

Es geht ein Gespenst um in Europa und dieses Gespenst heißt »Religion«. Woher es kam und wohin es geht? Wurde es gar heraufbeschworen? Wer weiß das schon! Doch das führt an dieser Stelle zu weit. Denn es geht hier schließlich um niemand anderen als Ian McEwan und sein neues Werk. Sicher scheint mir, dass McEwan zu jenen armen Seelen gehört, die zur Geisterstunde nicht vorsichtig genug gewesen sind. Ein Nebel, ein dumpfes Geräusch, ein Ploppen wie beim Öffnen einer Flasche alten Bordeaux‘. und schon ist es da, das Gespenst, das diejenigen, denen es die Gnade erweist zu erscheinen, mit ein und derselben Frage quält. Goethe kannte dieses Gespenst, auch Nietzsche, der es einmal unter den Tisch gesoffen hat, war mit ihm vertraut. Houellebecq ist ein viel geplagter Zeitgenosse und nun auch Ian McEwan.

Fiona Maye, die Hauptfigur in McEewans Roman »Kindeswohl«, könnte man mit etwas Fantasie für die etwas gealterte Version von Goethes Gretchen halten. Nein, doch eher für das weibliche Pendant zum alen Faust, denn sie ist keineswegs naiv. Nein, Fiona Maye ist eine gestandene Frau, hohe Richterin, unter ihren Kollegen geschätzt und gefürchtet für ihren scharfen Verstand. McEwan ist schonungslos gegenüber seiner Protagonistin, denn der Leser begegnet ihr im Moment tiefster Demütigung und Selbstzweifel: In dem Moment nämlich, als ihr Mann, der im Gegensatz zu ihr auf seine Figur und Fitness achtet und mit Anfang Sechzig auch aus Fionas Sicht noch über Sexappeal verfügt, sie tatsächlich um Erlaubnis für eine Affäre mit einer jüngeren Frau bittet. Sie ist empört, setzt ihn vor die Tür und hadert dennoch mit ihrer Entscheidung. Fionas private moralische Krise ist der rote Faden der Handlung. Damit verknüpft McEwan gewissermaßen als Vorgeschmack auf das, was kommen wird, zwei Gerichtsprozesse, die Fiona ihr ganzes Können beim Abwägen moralischer und oder religiöser Prinzipien gegenüber dem Kindeswohl abverlangen. Zum einen ist es das Schicksal zweier Mädchen, um deren Sorgerecht sich deren Mutter mit dem ultraorthodoxen jüdischen Vater streitet; zum anderen das Schicksal von neugeborenen siamesischen Zwillingen, bei deren Operation einer von beiden mit Gewissheit sterben wird – falls die Operation jedoch ausbleibt, sterben beide.

Beinahe grotesk wirkt die Situation dadurch, dass die Trivialität der Ehekrise mit diesen grundlegenden rechtlichen Auseinandersetzungen kollidiert. Fiona blickt auf sich selbst mit den Augen der Richterin herab, denkt an unzählige Rosenkriege, denen sie vor Gericht verständnislos beiwohnte, und ertappt sich selbst dabei, in genau dieselben Muster zu verfallen. Doch Fiona hat kaum Zeit, um sich in ihre private Krise zu vertiefen, denn ein neuer Fall fordert unvermittelt ihre gesamte Kraft. Sie muss in kürzester Zeit ein Urteil darüber fällen, ob Adam, ein fast achtzehnjähriger Junge oder junger Mann aus religiösen Gründen die lebensrettende medizinische Behandlung verweigern darf. McEwan beschreibt, wie der blasse intelligente Jüngling im Krankenbett liegt. Fiona besucht ihn, um sich ein besseres Bild über seinen geistigen Zustand zu verschaffen. Adam und seine Eltern gehören zu den Zeugen Jehowas und lehnen aus diesem Grund Bluttransfusionen ab. Darf sich Fiona Maye nicht nur über die religiösen Prinzipien dieser Menschen, sondern auch über das Grundrecht eines fast Volljährigen, die Behandlung zu verweigern, hinwegsetzen? Richterin Maye entscheidet sich gegen moralisch religiöse Prinzipien und für das Leben des Jungen.

Wäre der Roman bis zu diesem Punkt nicht so gut geschrieben und wäre einem das Schicksal von Fiona Maye nicht schon nach den ersten Seiten des Buches ans Herz gewachsen, man wäre sicher einige Male versucht gewesen, das Buch augenrollend wegzulegen. Denn McEwan schreibt zwar unterhaltsam, beschreibt aber Allgemeinplätze. Es lohnt sich, etwas Geduld mit diesem Roman zu haben, denn der Spannungsbogen baut sich langsam auf und die Handlung nimmt schließlich eine unerwartete Wendung.

Die großen Fragen nach Moral und Religion werden vom persönlichen Schicksal der Fiona Maye und Adam an den Rand gedrängt. Dies geschieht auch aus dem Grund, dass McEwan durch seine Richterin stets gegen Dogmen und Traditionen und für das Wohl des Kindes urteilt. Sie urteilt für die jüdische Mutter, die aus ihrem ultraorthodoxen Umfeld ausbricht, um ihren Töchtern ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen und auch für die Entscheidung gegen die todbringenden Glaubensregeln von Adam und seinen Eltern. Dieser Roman scheint eine Art Selbstvergewisserung zu sein und eine Art Prüfung anhand von drei Fällen, die Gültigkeit der Prinzipien und der Glaubenssätze des aufgeklärten Humanismus zu rekapitulieren. Doch die Antworten – so einleuchtend sie auch sein mögen und so gruselig der Geist des religiösen Fanatismus auch scheint – fügen dem brandaktuellen Diskurs über die Wiederkehr der Religion nichts hinzu. Der Roman ist eine Bestandsaufnahme, eine literarisch geglückte, gewiss. »Noch Fragen?«, scheint McEwan den umtriebigen Geist zu fragen, doch der kichert nur und freut sich auf die nächste Geisterstunde.

ianmcewan_kindeswohl

Kindeswohl
von Ian McEwan

übersetzt von Werner Schmitz

224 Seiten, € 21,90
(broschiert / kartoniert)

ISBN 978-3257069167
erschienen bei Diogenes

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