Edward St Aubyn: »Nette Aussichten«

Patrick erwachte und wusste, dass er geträumt hatte, konnte sich aber an den Inhalt des Traums nicht erinnern.

Zum Einstieg in diese Rezension müsste ich eigentlich Oscar Wilde zitieren. Die Schwierigkeit ist nur, dass ich mich nicht für ein konkretes Zitat entscheiden kann. Wie wäre es hiermit: »Als ich klein war, glaubte ich, Geld sei das Wichtigste im Leben. Heute, da ich alt bin, weiß ich: es stimmt.«
Oder: »Die Öffentlichkeit hat eine unersättliche Neugier, alles zu wissen außer dem Wissenswerten.« Und dann hätte ich noch das hier: »Zum Glück ist das Denken, in England wenigstens, nicht ansteckend.«

»Zu schade, dass du nicht mitkommen kannst«, sagte David Windfall zu seiner Frau und steckte für alle Fälle zwei Kondome in die Innentasche seines Smokingjacketts.
»Viel Spaß, Darling«, stöhnte Jane und konnte es kaum erwarten, bis er endlich aufbrach.
»Ohne dich wird’s wenig Spaß machen«, sagte David und fragte sich, ob zwei Kondome reichen würden.
»Sei nicht albern, Darling – wenn du erst unterwegs bist, wirst du gar nicht mehr an mich denken.«
David machte sich nicht die Mühe, dieser nur allzu wahren Feststellung zu widersprechen.
»Ich hoffe, morgen geht’s dir wieder besser«, sagte er stattdessen. »Ich rufe dich gleich morgen früh an.«
»Du bist ein Engel«, erwiderte seine Frau. »Fahr vorsichtig.«

Eine bitterböse und zynische Zustandsbeschreibung ist das, was der Autor uns hier präsentiert: Er nimmt die englische Oberklasse gehörig auf die Schippe, und das zugleich Traurige an der ganzen Sache ist die Tatsache, dass all das zwar eine rein fiktive Geschichte ist, die Wirklichkeit vermutlich aber genauso aussieht. Bei Sonnys Geburstagsfeier, die er zusammen mit seiner Frau Bridget ausrichtet, trifft sich alles, was in und um London herum Rang und Namen hat. Sogar Prinzessin Margaret weilt unter den Gästen! St Aubyn versammelt zahlreiches Personal, anfangs schwirrt dem Leser auf Grund der vielen Namen und Beziehungen zueinander schier der Kopf. Auf der Party bilden sich Gruppen, es wird geplauscht und über jedes noch so interessante oder geschmacklose Thema diskutiert. Dass da nicht jeder mit jedem im Reinen sein kann, ist klar: Hinterm Rücken wird gelästert, was das Zeug hält, Ränke werden geschmiedet und die Charaktere halten sich mit ihren Meinungen selten zurück. Verlogen bis in die hinterste Ecke sind sie, neidisch und sensationslüstern und vor allem auch berechnend. Nichts geschieht ohne Hintergedanken, jeder Satz hat einen ganz eigenen Impuls. Man weiß schließlich nie, wer einem später noch einmal nützlich sein könnte.

Sie hatte ewig gebraucht, um darüber hinwegzukommen, dass Patrick sich von ihr getrennt hatte. Nicht, dass sie ihn besonders gemocht hätte – es war nicht ihre Art, Menschen zu mögen, die sie benutzte, und wenn sie aufhörte, sie zu benutzen, wäre es natürlich absurd gewesen, sie zu mögen -, aber sich einen neuen Liebhaber zu suchen war so öde.

Der Autor selbst spickt diese Szenen immer wieder mit bissig-bösen Seitenhieben und streut Details über die Figuren ein, die sie endgültig entstellen. Zwischen den teils wirklich herrlich urkomischen Wortwechseln ist aber auch stets noch etwas Platz für ein wenig Philosophie, ein bisschen Weltanschauung und private Probleme, denn nicht alle, die St Aubyn hier antreten lässt, sind aus demselben Holz geschnitzt. Es gibt auch Ausnahmen, Menschen, die zwar irgendwie trotzdem dazugehören, die aber hinter ihrer Schöne-Welt-Fassade trotzdem noch verletzbar sind und denen die Affektiertheit ihrer »Freunde« gehörig gegen den Strich geht.
Alles in allem ist dies ein wunderbar kurzweiliger Roman, der uns einen amüsanten und geistreichen Einblick in das Leben der »oberen Zehntausend« bietet. Charmant geschrieben, und manchmal wirklich zum Brüllen komisch.

Nette Aussichten
von Edward St Aubyn

übersetzt von Ingo Herze

192 Seiten, € 8,00
(broschiert / kartoniert)

ISBN 978-3442737956
erschienen bei btb

rezensiert von

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.