Silberfischchen

Eine lange Reihe abgasgeschwärzter Häuser, die sich in Pfützen spiegelten, trocknete an der Wäscheleine in der Küche, er stieß sie im Vorbeigehen an. Es schneite, die Autos krochen, die weißen Hauben auf den Mülltonnen waren noch unberührt.
Als der Aufbau-Verlag sich vor ein paar Jahren dazu entschloss Inger-Maria Mahlkes Debütroman »Silberfischchen« anzunehmen, schlugen die Gefühle der Autorin gewiss hoch. Neben der Freude darüber endlich verlegt zu werden, hatte jedoch sicherlich auch die Panik beträchtlichen Anteil am emotionalen Furor, denn »Silberfischchen« war zum Zeitpunkt der Zusage erst zur Hälfte geschrieben. Inger-Maria Mahlke setzte sich daraufhin drei Monate lang täglich sechzehn Stunden an den Schreibtisch, um den schon bestehenden hundert Seiten noch ebensoviele hinzuzufügen. Bei der Mehrzahl der Bevölkerung dürften derartige Hauruck-Aktionen nicht mehr als ein bestenfalls solides Ergebnis zeitigen, ein Ausreichend sozusagen. »Silberfischchen« allerdings ist ein gänzlich ausgereifter Roman, noch dazu ein ziemlich guter, was man übrigens 2012 auch in Klagenfurt fand und Mahlke den Ernst-Willner-Preis zusprach.

Das Personal wie auch die Handlung selbst sind übersichtlich. Hermann Mildt, pensionierter Polizeibeamter, lebt nach dem Tod seiner Ehefrau seit Jahren allein und verbringt seine Tage damit Stadtansichten in Berlin und Umgebung zu fotografieren. Er ist eingefahren in seinen Gewohnheiten, nicht wenig misanthrop, und so misstrauisch, wie es grantige alte Männer eben manchmal sind. In diesem Zustand weltfremder Einsam- und Genügsamkeit trifft er im Zuge eines Frankfurt/Oder-Ausfluges auf die Polin Jana Potulski, die, bestohlen, vorerst ein Obdach benötigt, bis ihre Schwester ihr einen neuen Pass schicken kann.
»Halb zog sie ihn, halb sank er hin«, Hermann Mildts Gegenwehr lässt die nötige Konsequenz vermissen und am Ende des Tages richtet sich Frau Potulski (»Jana, bitte.«) auf seinem Sofa ein. Praktisch und ruhig ist sie, und mit Anfang/Mitte 50 nicht mehr ganz jung. Sie macht sich nützlich, wäscht, kocht, räumt auf. Hermann Mildt jedoch gerät angesichts der neuen gewohnt wie ungewohnten Situation vollkommen aus dem Gleichgewicht. Mit ihr und seinem eigenen wohl im Alter überstanden geglaubten Verlangen nach Nähe ficht er im Laufe der Geschichte einen harten Kampf aus.

Bisweilen schwingt »Silberfischchen« sogar ins Komische; etwa, wenn Hermann Mildt seiner neuen Hausgenossin auf deren hingeplauderte Feststellung er habe ja gar keinen Fernseher wenig subtil versichert, er besitze gar nichts von Wert, auch kein Silberbesteck. Zumeist aber sind die Geschehnisse ins Licht absoluter Schonungslosigkeit getaucht, ohne jedoch die Charaktere wertend zu kompromittieren. Inger-Maria Mahlke lässt keine unschönen Details aus, sie versteht es ihre Geschichte geradezu filmisch lebendig werden zu lassen, dem Leser die gleiche Nervosität und Anspannung zu vermitteln, die ihre Protagonisten durchleben. Hermann Mildts Paranoia kann man, so verrückt sie auch ist, bisweilen nachempfinden, um ihn gleich im nächsten Moment ohrfeigen zu wollen für die Brutalität, mit der er Jana Potulski seine soziale Inkompetenz aufbürdet.
»Silberfischchen« bleibt nah an seinen Charakteren, beleuchtet wird, was sie sehen, sodass größere Zusammenhänge oft nur am Blickfeldrand erscheinen und damit vom Leser selbst erschlossen werden müssen. Was die Autorin durch diese subjektive Betrachtungsweise erreicht, ist eine Intensivierung des Erlebten, sie erzeugt Spannungen, Ausweglosigkeiten und Verzweiflungen, wie sie von Außen betrachtet niemals empfunden werden könnten.

Mit »Silberfischchen« hat Inger-Maria Mahlke ein Buch geschrieben, das der Hoffnung Auftrieb gibt, sie möge noch recht viele weitere folgen lassen. Wie gut, dass mit »Rechnung offen« der nächste Roman schon in den Läden steht.

Silberfischchen

199 Seiten, € 16,95, gebunden
Aufbau, ISBN 978-3351033095

Rezensiert von Juliane Kopietz