Richard Mason: »Die geheimen Talente des Piet Barol«

Die Abenteuer seiner Jugend hatten Piet Barol gelehrt, dass die meisten Frauen und viele Männer ihn über die Maßen attraktiv fanden. Er war alt genug, um diese Tatsache pragmatisch zu sehen, jung genug, um unbescheiden zu sein, und erfahren genug, um zu vermuten, dass dieser Vorteil in diesen wie in anderen Fällen ausschlaggebend sein könnte.

Amsterdam im Jahr 1907: Die Hotelierfamilie Vermeulen-Sickerts ist auf der Suche nach einem neuen Hauslehrer, der sich um den in sich gekehrten und zurückgezogenen Egbert kümmern soll. Der junge Herr ist krank, er leidet unter Zwangsvorstellungen, die inzwischen so sehr von ihm Besitz ergriffen haben, dass er sich nicht einmal mehr auf die Straße traut.

Vorstellig wird der 24-jährige Piet Barol, ausgestattet mit nichts als einem Empfehlungsschreiben unterm Arm. Dass er trotz seiner Mittellosigkeit mit den Konventionen der Oberschicht bestens vertraut ist, hat er seiner verstorbenen Mutter zu verdanken, die ihn, voll der Fürsorge und der Liebe für ihren einzigen Sohn, schon früh auf ein besseres Leben vorbereitet hat.

Piets ganzes Auftreten, sein gutes Aussehen, sein wohlgeformter Körper und seine Stimme setzen sich zu einer Anziehungskraft zusammen, der sich niemand entziehen kann: Jacobina Vermeulen-Sickerts, die Frau des Hauses, sieht in Piet unerfüllte sexuelle Bedürfnisse auflodern, die es unbedingt und um jeden Preis zu erfüllen gilt. Ihr Mann Maarten lernt früh den guten Geschmack und die Beobachtungsgabe des neuen Hauslehrers zu schätzen, und auch an den beiden jungen Töchtern und selbst den übrigen Hausangestellten geht die Attraktivität des jungen Mannes nicht spurlos vorbei.

Die Vermeulen-Sickerts waren nicht böse. Sie hatten nur keine Lust, sich das Leben anderer Menschen vorzustellen.

Richard Mason hat hier einen ganz bezaubernden Roman geschaffen, und er ist vor allem ein großartiger Erzähler mit viel Liebe zum Detail. Vor der Kulisse des frühen 20. Jahrhunderts lässt er seinen Protagonisten hier von einem Glück ins nächste stolpern, völlig unangestrengt und krampflos. Schnell gewinnt Piet das Vertrauen der Familie für sich, und so nähert er sich Stück für Stück dem Leben in Prunk und Protz, nach dem er sich immer gesehnt hat. Auf dem Weg dorthin, der leichter fällt als erwartet, streut er wie nebenbei Glück und Zufriedenheit in seiner Umwelt aus, scheinbar ohne dass er etwas dafür tun muss. Die einzelnen Mitglieder der Vermeulen-Sickerts entwickeln jeder für sich eine ganz eigene Bindung zu ihm, die von grundtiefem Vertrauen über Bewunderung bis hin zu unerfülltem Begehren, Neid und sexueller Abhängigkeit reicht. Der ständige Wechsel der Perspektiven trägt sein Teil dazu bei, dass der Roman trotz Masons unaufgeregter Erzählweise nie an Tempo und Spannung verliert.

Bei aller Verbundenheit zu seiner Umwelt verliert Piet sein eigentliches Ziel nicht aus den Augen: Mit Kalkül und Berechnung stellt er sich etwaigen Widerständen in den Weg, wägt immer wieder das Für und Wider seiner Entscheidungen ab und investiert seinen zusammengesparten Lohn schließlich in eine Schiffreise, die ihn fortbringen soll aus Amsterdam.

Sprachlich passt sich Richard Mason weitestgehend an das Milieu der Oberschicht an und zaubert allein durch die Wortwahl ein Übermaß an Luxus herbei. In seiner Sprache ist aber neben allen ausschmückenden Beschreibungen auch immer wieder Platz für eine augenzwinkernde Randbemerkung oder eine appetitliche Nebensächlichkeit. Besonders die heimlichen Stelldicheins zwischen Piet und Jacobina sind herrlich vulgär, hier reicht manchmal schon ein einziges kleines dreckiges Wort, um die Stimmung einer ganzen Szene umzuwerfen und die Aufmerksamkeit des Lesers weiter zu fesseln.

Insgesamt ist „Die geheimen Talente des Piet Barol“ ein erfrischender Roman für zwischendurch,  der mühelos und wie von selbst die unterschiedlichsten Themen zu einem herrlich kurzweiligen Leseerlebnis verknüpft. Eine Geschichte über die verschiedensten Arten von Glück und darüber, wie wir mit „unserem“ Glück umgehen und was wir dafür bereit sind zu tun.

Die geheimen Talente des Piet Barol
von Richard Mason

übersetzt von Rainer Schmidt

320 Seiten, € 19,99
(gebunden)

ISBN 978-3570101360
erschienen bei C. Bertelsmann

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