Michail Bulgakow: »Das hündische Herz«

U-u-u-u-u-huh-huh-huuuuh! Da schaut, wie ich vor die Hunde gehe. Der Schneesturm heult durch den Hof adieu, und ich heule dazu. Alles hin, alles hin. Dieser Schurke mit Haube – dieser Wirt der Kantine für Normale Ernährung der Mitarbeiter des Volkswirtschaftsrates – schüttet kochendes Wasser über mich aus und verbrüht mir die linke Flanke. So ein Wicht, so was schimpft sich noch Proletarier.

Achtung! Hier begegnen Sie einem rundum gelungenen Buch, das sowohl Liebhaber von literarischen Klassikern als auch Freunde schriller Pop-Kultur gleichermaßen in ihren Bann ziehen wird. Und das vor allem wegen seiner Ausstattung: 200 Seiten aus zwei verschiedenfarbigen Werkpapieren, fadengeheftet, mit gemustertem Vor- und Nachsatz, bedrucktem und geprägtem Einband plus Lesebändchen. Jeder Bestandteil ist präzise aufeinander abgestimmt, heraus kommt ein absolut stimmiger Gesamteindruck.

Auf Grund der Gestaltung und der griffigen Haptik hat man nicht das Gefühl zu lesen, sondern erlebt das eigene Kopfkino in phantasievollste Bahnen gelenkt. So rauh und abstoßend die Geschichte an sich ist, umso märchenhafter muten die Illustrationen von Christian Gralingen an. Mit ihrer Schablonenhaftigkeit an technische Zeichnungen ebenso erinnernd wie an mechanische Puppen, vermitteln Sie eine Aura aus Steam Punk, Dada und Kybernetischer Forschung. Die russische Avantgarde sowie Bilder von George Grosz werden sicher auch ihren Anteil an den 36, am Rechner entworfenen Grafiken gehabt haben. Die subversive Ornamentik ist dieser futuristischen Geschichte aus dem Jahr 1925 wie auf den Leib collagiert. Zu Bulgakows Lebzeiten in Russland unveröffentlicht, erschien diese Novelle erst 1968 in Deutschland. Ihre Sprengkraft war wohl einfach zu groß.

Es ist die Schilderung eines fantastischen Laborversuchs. Ein bürgerlicher Arzt nimmt in Moskau einen Straßenköter bei sich zu Hause auf, pflanzt ihm einen Teil des Hirns und die Hoden eines Kleinkriminellen ein und schafft aus ihm ein sonderbares Wesen. Der so entstandene Hybrid philosophiert über Begriffe wie Freiheit und konfrontiert die Menschen mit ihrem eigenen tierischen Verhalten: süffisant, aggressiv, triebhaft.

Lesenlernen kann man sich schenken, wenn Fleisch so stark riecht, dass man es bereits von Weitem erschnuppert. Und trotzdem, vorausgesetzt, Sie leben in Moskau und haben ein klein wenig was in der Birne, lernen Sie schon ganz beiläufig lesen, und zwar ohne irgendwelche schlauen Kurse. Von den zigtausend Moskauer Rüden kann sich höchstens ein vollkommener Trottel die Lettern »Wurst« nicht zusammenreimen.

Ebenso ist es die Geschichte eines Außenseiters, der das Privileg erfährt in die bessere Gesellschaft eingeführt zu werden. Mit einfachen Kategorien schustert er sich schnell sein Weltbild zusammen und bleibt doch der liebenswerte Freak von der Straße, der die Dinge beim Namen nennt. Diese Gossenweisheit gepaart mit dem pointierten Stil Bulgakows ergibt eine aberwitzige, zeitlose Mischung.

Die Tür flog völlig gräuschlos auf, und ein hübsches Fräulein im weißen Schurz und mit Spitzenhäubchen trat vor den Hund und den Herrn. Ersterem schlug göttliche Glut entgegen, dem Rock des Fräuleins entströhmten Maiglöckchen. »Ich muss schon sagen. Gar nicht mal übel«, dachte der Rüde.

Der bei Bulgakow in nahezu jeder Erzählung wechselnde Stil enthält in diesem Fall zahlreiche Anspielungen auf die damaligen Moskauer Verhältnisse. Mit welch scharfer Feder Bulgakow seine kommunistischen Zeitgenossen aufs Korn nahm, zeigen die zahlreichen Anmerkungen, die farblich abgesetzt im oberen Teil der Marginalspalte untergebracht sind. Der schöne Schein des Lebens in der Sowjetmetropole wird von ihm nicht aufgelöst und durch eine Schilderung der kalten Realität ersetzt. Vielmehr vermengt Bulgakow die tatsächlichen Absurditäten seiner Zeit zusätzlich mit absurden literarischen Bildern, was zusammen ein Potpourri von aberwitzigen Gestalten und grotesken Szenen ergibt. Diese erwachen durch die feine Illustrierung zum Leben und zeigen in Schnittmustern, Bauanleitungen oder kryptischen Formeln quasi, woraus eine gute Geschichte besteht und wie sie zusammengebaut wird. Ein visuelles, haptisches und intellektuelles Vergnügen!

Das hündische Herz
von Michail Bulgakow

übersetzt von Alexander Nitzberg

200 Seiten, € 22,95
(gebunden)


erschienen bei Edition Büchergilde

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