Sándor Márai: »Das Vermächtnis der Eszter«

Was Gott mit mir noch vorhaben mag, weiß ich nicht. Aber bevor ich sterbe, will ich die Geschichte des Tages aufschreiben, an dem Lajos zum letzten Mal bei mir war und mich ausgeraubt hat.

Manchmal im Leben gibt es Momente, in denen die eigene, menschengesunde Rationalität auszusetzen scheint; Situationen, die man vielleicht durch ein einziges Wort in eine ganz andere Richtung drehen könnte und es trotzdem nicht tut. Weil es einem nicht richtig erscheint, oder einfach, weil man nicht anders kann.
Ich glaube, gemeinhin spricht man in solchen Momenten von »Schicksal«.
Für Eszter jedenfalls ist es vermutlich genau das, eine Unabwendbarkeit, die ihr beinahe alles in ihrem Leben genommen hat: Eszter ist alt, außer dem Haus und dem Garten ist ihr nur noch Nunu geblieben, eine entfernte Verwandte, die eines Tages einfach in die Familie kam und seither dort wohnt, die für Eszter zwar keine Mutter, aber die beste Freundin geworden ist, die sie wortlos und bis ins tiefste Innere versteht und kennt.
Eszter wartet auf den Tod. Bevor ihr Leben zu Ende geht, schreibt sie die Geschichte des Tages auf, an dem Lajos nach 20 Jahren zurückkehrte. Er war der einzige Mann, den sie jemals geliebt hatte, und er war gleichzeitig auch derjenige, der ihr alles im Leben genommen, sie und ihre Familie nach Strich und Faden hintergangen und belogen hatte. Lajos, dieser Zauberer, der alle in seinen Bann ziehen konnte, kam noch ein Mal zurück, um sich auch noch das Letzte in Eszters Leben zu holen; und während sie so dasitzt und diesen einen Tag noch einmal Revue passieren lässt, geht ihr auf, dass das Leben nicht nur eine Verkettung von Zufällen ist, sondern auch ein großes Spiel, das Regeln folgt, die man oftmals erst hinterher kennen lernt.

Immer war Vilma die Stärkere, auch in ihrem Hass. Hätte man sie gefragt, wieso sie mich so unerbittlich hasse, hätte sie siedend heiße Anklagen und Begründungen vorgebracht, aber das alles hätte unseren Hass nicht erklärt. Wir hatten vergessen, woher er kam.

Die Annahme liegt nahe, Eszter sei eine verbitterte, betrogene Frau, die kurz vor ihrem Lebensende endgültig mit dem Mann abrechnet, der sie gebrochen und zerstört hat – aber dem ist nicht so. Nichts davon findet hier seinen Platz. Die Geschichte und die Erinnerungen Eszters sind mit einer Art bedingungsloser Liebe durchwoben, die vielleicht naiv, aber dafür umso kraftvoller ist. Von Beginn an ist in dieser Liebe nichts zu spüren als eine grundoffene Ehrlichkeit.
Schon früh ist klar, das man Lajos nicht trauen kann, dass man vor ihm auf der Hut sein muss. Und gerade deswegen befasst sich Sándor Márai den Rest der Geschichte über kaum noch mit dieser Hinterlistigkeit, sondern lotet Lajos‘ Charakter und seine Beweggründe aus, um sein Handeln begreifbar zu machen. Dieser Mann wird nicht an den Pranger gestellt und beschuldigt, sondern erhält menschliche Züge; sehr angenehm, dass nicht nur auf Nachsicht und Moralgefühl gepocht wird.
Es geht um etwas Größeres als das, es geht … ja, vielleicht geht es wirklich um so etwas wie »Schicksal«.

Das Vermächtnis der Eszter
von Sándor Márai

übersetzt von Christina Viragh

168 Seiten, € 10,00
(broschiert / kartoniert)

ISBN 978-3492274876
erschienen bei Piper

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