Orfa Alarcón: »Königin und Kojoten«

Mir war klar, dass er mich mit einer Hand töten könnte. Er hatte im Dunkeln nach meinem Hals gegriffen, sein Körper lag auf mir. Lautlos hatte er das Haus durchquert, ohne Licht zu machen.

Fernanda ist die »Königin« im ersten Roman von Orfa Alarcón, der soeben in der Übersetzung von Angelika Ammar im Verlag Klaus Wagenbach erschienen ist. Eine junge Studentin aus Monterrey auf der Suche nach der großen Liebe. Als sie Julio trifft, scheint ihr Traum in Erfüllung zu gehen:

Ich hatte jemanden. Der ganz allein und für immer mir gehörte. Schluss mit Suchen, Schluss mit Weinen, mit dem gebrochenen Herzen und dem Groll. Jetzt zahlte ich die Raten für ein Haus und möblierte ein Herz.

Doch die romantische Liebesgeschichte entpuppt sich sehr schnell als Machospiel. Julio ist Anführer der Kojoten, eines Kartells, das ganze Viertel von Monterrey unter seine Kontrolle gebracht hat. Die schicken Möbel, die er Fernanda in das gemeinsame Haus stellt, sind mit Blut befleckt. Das Geld für ihre Designerkleider und teuren Autos stammt aus Drogengeschäften.
Trotzdem bleibt Fernanda bei Julio, denn sie kennt diese Welt seit ihrer Kindheit. Der Stärkere besiegt den Schwächeren. Wer Schutz sucht, muss dafür bezahlen. Fernanda bleibt, aber sie findet keine Ruhe. Sie betrügt Julio, aber sie verlässt ihn nicht. Sie taucht für zwei Wochen ab, aber sie kommt zurück. Am Ende macht Julio Fernanda einen Heiratsantrag. Will er sie endgültig in die Knie zwingen?

Man hofft es, doch Orfa Alarcón erzählt nicht die Geschichte einer jungen Frau, die sich aus diesem Sumpf befreien wird. Zu Fernanda gehört neben ihren riesigen Angst auch eine übermächtige Wut, die von ihr im Laufe des Romans immer mehr Besitz ergreift. Diese Wut speist sich aus ihrer eigenen Geschichte und aus der Geschichte ihrer Stadt, Monterrey, und wächst, je mehr die anfängliche Verliebtheit an Kraft verliert.

Orfa Alarcóns Sprache ist schnell und schonungslos. Alarcón schreibt über eine Stadt und über eine Atmosphäre, die sie kennt. Die Schriftstellerin wurde 1979 in Monterrey geboren. Beim Schreiben ließ sie sich von den Texten der mexikanischen Hip-Hop-Gruppe Cártel de Santa inspierieren, baute Textzeilen in den Roman ein (hier nicht kursiv markiert), die nahezu nahtlos mit ihrem Roman verschmelzen:

Dieses schwarze Loch, das ich in der Seele trage, seit ich ein kleines Mädchen war, der eisige Wind, der mich umweht und über meinem Kopf braust. Drinnen und draußen, Herz und Haut. Die Schatten, die es nur die zu verscheuchen gelang, kehren zurück. Die Unendlichkeit, die ich in mir trage, und die Unendlichkeit, die meinen Füßen den Boden entzieht. Ich befinde mich in einem schwarzen Loch, und noch eins wächst in mir an. Ich bin aus deinem Himmel gefallen, ohne auf den Boden zu prallen.

»Brava perra« heißt der Roman in der spanischen Fassung, man könnte es mit »wütende Hündin« übersetzen. Fernanda beißt um sich und am Ende klebt auch an ihren Händen Blut.

Königin und Kojoten
von Orfa Alarcón

übersetzt von Angelica Ammar

192 Seiten, € 14,90

ISBN 978-3803132598
erschienen bei Wagenbach


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