Bret Easton Ellis: »Lunar Park«

„Du siehst dir verblüffend ähnlich.“

So lautet der erste Satz von ›Lunar Park‹, der in seiner Kürze und Einfachheit eine Rückkehr zur Form, ein Echo auf die erste Zeile meines Debütromans ›Unter Null‹ darstellen soll.

Man könnte tatsächlich meinen, dass man einen autobiografischen Text vor sich hat, wenn Bret Easton Ellis auf den ersten Seiten des Romans “Lunar Park” von seinen bisherigen Werken, seiner Karriere als Autor und der wenig herzlichen Beziehung zu seinem Vater berichtet. Doch Zweifel kommen recht schnell auf. Am Camden College hat er also studiert? Gab’s das überhaupt? Da war doch was? Und mit Jayne Dennis ist er verheiratet – die hat zusammen mit Keanu Reeves gedreht. Eine eher unbekannte Schauspielerin?

Nein, nicht existent. Genauso wie Ellis’ Sohn Robby und seine Stieftochter Sarah ist Jayne Dennis ein fiktionaler Charakter innerhalb eines Romans, der sich um den halbfiktionalen Autor Bret Easton Ellis dreht. Dieser versucht, nach ausschweifenden Drogeneskapaden ein normales Leben anzufangen und zieht zu Jayne Dennis in einen Vorort von New York. Die beiden hatten schon vor vielen Jahren eine Liebschaft, aus der der gemeinsame Sohn Robby hervorging, da Dennis, trotz Ellis’ Bitten und Flehen das Kind nicht hatte abtreiben wollen. Mehr vorgehalten als überzeugt versucht Ellis nun, eine Beziehung zu seinem Sohn und seiner Stieftochter aufzubauen – sein Scheitern wird regelmäßig bei seinem Psychologen und der Eheberatung thematisiert.

Am Vorabend von Halloween, der Nacht, in der nach vorchristlichem Glauben die Seelen der Toten auferstehen und unter uns wandeln, gibt die “Familie” eine Halloween-Party. Zu dieser kommen auch viele Studenten des Colleges, an dem Ellis derzeit einmal wöchentlich lehrt und sich im Glanz seines schriftstellerischen Ruhms sonnt. Einer der kostümierten Gäste kommt im blutbespritzten Armani-Anzug als Patrick Bateman, dem Hauptcharakter in Ellis’ Roman “American Psycho”, zur Party. Dies macht auf den unter dem Einfluss von Kokain und diversen Medikamenten stehenden Ellis einen wenig erfreulichen, vielmehr beklemmenden Eindruck.
Von da an häufen sich die skurrilen Ereignisse. Ellis, der nach der Party bemüht ist, insbesondere die Möbel wieder in die richtige Ordnung zu rücken, sichtet immer häufiger ein Auto, das auch sein inzwischen verstorbener Vater vor über zwanzig Jahren schon besessen hatte. Die Farbe am Haus, das nie neu gestrichen wurde, blättert an einigen Stellen ab und bringt einen darunter verborgenen, lilafarbenen Anstrich zum Vorschein. Nächtliche Schabgeräusche und Kratzspuren an den Türen irritieren die Kinder – und irgendwie scheint das vogelähnliche Kuscheltier von Stieftochter Sarah, der Terby, mehr als nur mechanisch gesteuert zu sein. Seit einiger Zeit bekommt Ellis zudem an manchen Tagen von der Bank, die die Asche seines Vaters aufbewahrt, nachts um 2:40 Uhr eine leere E-Mail zugestellt. In der Bank weiß niemand etwas davon. Spätestens als ein Detective zu Ellis nach Hause kommt und ihn in gedämpftem Ton warnt, dass in der Umgebung ein Serienmörder umgeht, der sich offenbar Patrick Bateman als Vorbild genommen hat und die Morde aus “American Psycho” nun wirklich begeht, ist Ellis alarmiert. Und starke Beruhigungstabletten mit Wodka mischend überlegt er, was zu tun ist.

“Lunar Park” ist nach Aussage von Bret Easton Ellis eine Hommage an Stephen King und die Comicbücher, die Ellis als Kind gern las. Er vereint Charaktere vorheriger Romane und stellt auch diesem Roman wieder eine promiske Hauptfigur mit exzessivem Drogenkonsum und ohne festen Platz in der Gesellschaft voran. Auch ist “Lunar Park” eine Parodie auf die zeitgenössische amerikanische Gesellschaft, insbesondere bezogen auf den Umgang der Upper Class-Eltern mit ihren Kindern. Sogar die beiden Kinder des fiktionalen Bret Easton Ellis stehen die meiste Zeit unter dem Einfluss von Beruhigungsmitteln, sitzen zeitweise einfach nur lethargisch herum und starren ins Leere. Seine Gesellschaftskritik ist zwar deutlich schwächer als in “American Psycho” oder “Less Than Zero”, macht aber dennoch den Reiz dieses Werks aus, ebenso das Auftauchen altbekannter Charaktere. Die Hommage an Stephen King ist dem Roman deutlich anzumerken – ob die Mischung von klassischem Ellis-Ton mit ebenso klassischen Horror-Merkmalen gelungen ist, sei jedoch dahingestellt. Der Roman ist eine Gratwanderung und erweitert das Repertoire von Ellis’ Werken um ein doch eher unvermutetes Genre.

Lunar Park
von Bret Easton Ellis

übersetzt von Clara Drechsler, Harald Hellmann

464 Seiten, € 9,95

ISBN 978-3453675216
erschienen bei Heyne

» Leseprobe
» bei ocelot, kaufen

rezensiert von

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.