J. M. Coetzee: »Im Herzen des Landes«

Heute hat mein Vater seine neue Braut heimgeführt.

Eine Farm irgendwo in der sonnenversengten Einöde Afrikas: Hier lebt Magda zusammen mit ihrem Vater, diesem Mann, den sie kaum kennt und den sie irgendwo in den Tiefen ihres vertrockneten Herzens hemmungslos hasst. Nachdem ihre Mutter vor einigen Jahren gestorben ist, lebt Magda nur noch als ein Schatten ihrer selbst in diesem großen Haus; sie kümmert sich um den Haushalt, sie verrichtet ihre Arbeit routiniert und gewissenhaft, aber in den Augen ihres Vaters ist sie nichts weiter als eine Bedienstete.

Die Nacht bricht herein, und mein Vater und seine neue Frau treiben’s im Schlafzimmer. Hand in Hand streicheln sie ihren Bauch und warten darauf, dass er zuckt und blüht. Sie umschlingen einander; sie hüllt ihn in ihr Fleisch, sie kichern und stöhnen. Es ist eine schöne Zeit für sie.

Als ihr Vater beginnt, mit der Frau seines Vorarbeiters zu schlafen, bricht all der angestaute Hass endgültig aus Magda heraus: Skrupellos erschießt sie ihren Vater und stürzt dadurch nicht nur sich selbst, sondern auch das Gefüge der ganzen Farm in ein tiefes Loch. Als verbitterte Jungfer steht sie vor dem Trümmerhaufen einer Ordnung, die aufrecht zu erhalten sie nicht in der Lage ist. Die Farm verkommt, der bisher maßvolle Vorarbeiter lotet seine Grenzen aus und es dauert nicht lange, bis er sie überschreitet.

Mein Vater ist die Abwesenheit meiner Mutter, ihr Negativ, Ihr Tod. Sie die Weiche, die Blonde; er der Harte, der Dunkle. Er hat alles Mütterliche in mir ermordet und hat mich als diese brüchige, behaarte Hülle zurückgelassen, in der die Erbsen toter Worte rasseln.

Magda ist eine Figur von beeindruckender Tiefe und Unergründlichkeit: Hin- und Hergerissen zwischen ihrer eigenen Innenwelt und der Realität, die nach dem Mord an ihrem Vater mit enormer Wucht über sie hineinbricht. Moralisch gefasst und gleichzeitig von beinahe irrer Wankelmütigkeit. Ein völlig geschlechtsloses Wesen auf dem endlosen Weg zur Frau und doch auch wieder getrieben von gnadenloser Lust an der Erotik der Unterdrückung.
Das Faszinierende an diesem Monolog ist die Tatsache, dass man nie ganz sicher sein kann, was Tagtraum ist und was echt. Ist dieser Mord wirklich geschehen oder ist alles ein Szenario, das Magda sich in ihrem Kopf zusammensetzt? Was kann man glauben, was steht da überhaupt geschrieben und wieviel davon bildet man sich vielleicht auch selbst nur ein?
Mitreßend und betörend, großartig geschrieben. Tief und gründlich hat sich dieses Buch in mein sprachvernarrtes Herz gegraben.

Zuviel Elend, zuviel Einsamkeit macht einen zum Tier.

Im Herzen des Landes
von J. M. Coetzee

208 Seiten, € 8,90

ISBN 978-3596132539
erschienen bei Fischer

rezensiert von

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