Moritz Heger: »In den Schnee«

Ohne Anfang schneit es durchs nackte Fenster des Rechtecks. Punkte, zu klein für Flocken, mäßig dicht, nicht langsam, nicht schnell fallen sie in den unsichtbaren Garten.

Die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr ist immer wieder eine Zeit der Rückbesinnung, eine Zeit, in der man den Gedanken gern freien Lauf lässt und die Erinnerung an Vergangenes ganz groß werden kann. Auch Felix stellt da keine Ausnahme dar, wenn er sich in seiner Wohnung seinen Erinnerungen überläasst: Er als kleiner Junge im Kindergarten, wie er in einem Anfall von plötzlicher Eifersucht und Ungebremstheit die Bilder der anderen Kinder mit Farbe überschmiert. Später in der Schule macht er die Bekanntschaft von Mädchen, die sich ihm nähern, denen er aber weiter keine Aufmerksamkeit schenkt. Er erinnert sich zurück an viele kleine Episoden aus seiner Jugend, an die Trennung seiner Eltern und das spätere Hin- und Hergerissensein zwischen Mutter und Vater, Karlsruhe, Mainz und Mannheim. Seine Großeltern kommen ihm wieder in den Sinn – damals, als seine Oma noch am Leben war, die Familienzusammenkünfte an Weihnachten, der als Autounfall getarnte Selbstmord seiner Cousine. All diese Bilder und Geschichten verweben sich langsam ineinander und lassen den heutigen Erzähler-Felix immer weiter menschliche Formen annehmen. Er entwickelt sich spür- und nachvollziehbar weiter, und er ist letztlich doch auch nur ein ganz ganz gewöhnlicher Mensch, kein Held oder Verlierer, niemand, der in Extremen lebt. Er ist und war schon immer nur ein ganz gewöhnlicher Außenseiter, der Weihnachten allein in seiner Wohnung verbringt, ohne Freunde oder Familie. Es macht ihm nichts aus, er nimmt es als gegeben hin. So hat er wenigstens Zeit für sich und seine Erinnerungen.

Leben. Mit Druck schreibt er es quer über den Collegblock. Und nochmal und nochmal. Mit ausladenden Großbuchstaben, bis er zwischen die Ringe der Spirale gerät, da hört er mitten im Wort auf – Leb, ohne Ausrufezeichen – und rattert sie mit der Kulispitze entlang, es klingt, als zöge man einen dieser kleinen Koffer hinter sich her über einen fernen Flughafenboden. Rückwärts heißt es Nebel. Aber wahrscheinlich erklärt das nichts. Nichts kann man rückwärts nicht aussprechen.

Moritz Heger hat mit seinem ersten Roman ein großartiges Stück Literatur vorgelegt, das mich vor allem durch seinen herrlich erfrischenden Stil voll und ganz auf seine Seite gezogen hat. Seine Wendungen zeugen von einer enormen sprachlichen Eleganz; gleichzeitig hat er diesen Blick für Details, die man schon oft selbst registriert, aber nie weiter verfolgt geschweige denn ausformuliert hat. Beeindruckend ist auch, dass die damaligen Episoden, mit denen der Autor uns die Figur des Erzählers näher zu bringen versucht, auf den ersten Blick so herrlich banal sind und erst danach ihre ganze Kraft entfalten. Beim Lesen selbst merkt man da von späterer Wichtigkeit kaum etwas, erst im Nachhinein gewinnen diese Erinnerungen an Relevanz.
Ähnlich wie bei zum Beispiel Judith Hermanns Erzählungen hat man auch bei diesem Roman das Gefühl, permanent unter einer Schneedecke gefangen zu sein, denn so sehr dieses Bild inzwischen auch ausgeschöpft sein mag: Es stimmt alles, die äußere Atmosphöre geht Hand in Hand mit diesen stillleisen Geschichtchen.
Moritz Heger ist ein ganz bemerkenswerter Autor, den man wohl im Auge behalten sollte. Es könnte sich wirklich lohnen.

Schlafen will ich. Das ist das Schönste, so müde zu sein, dass alle Gedanken zu Gletschern werden, zu in der Sonne glitzernden Gletschern rund um das Meer des Schlafs.

In den Schnee
von Moritz Heger

221 Seiten, € 19,90
(gebunden)

ISBN 978-3902497376
erschienen bei Jung und Jung

rezensiert von

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