Marcel Beyer: »Flughunde«

Eine Stimme fällt in die Stille des Morgengrauens ein: Zuerst Aufstellen der Wegweiser. Die Pfähle mit dem Hammer tief einrammen in den weichen Erdboden. Mit aller Kraft. Die Schilder dürfen nicht wegsacken.

Zwei Menschen, die tatsächlich existiert haben: Hermann Karnau, Wachmann im Berliner Führerbunker, und Helga Goebbels, älteste Tochter des NS-Propagandaministers Joseph Goebbels. Um diese beiden Personen rankt sich der Roman „Flughunde“ von Marcel Beyer. Der Rest der Erzählung basiert, abgesehen von der Rahmenhandlung des Zweiten Weltkriegs, nur zum Teil auf historisch belegbaren Fakten, die Handlung ist weitestgehend fiktiv.

Der Hermann Karnau der „Flughunde“ ist Akustiker, die Handlung beginnt im Jahr 1940. Es ist Krieg.
Hermann Karnau plant. Er plant, eine Karte anzulegen, die sämtliche Geräusche, die Menschen mit ihrer Stimme hervorbringen können, verzeichnen soll. Er zeichnet sie auf Schellackplatten auf, akribisch darauf bedacht, jede kleinste Nuance einer Stimme aufzunehmen, jeden Laut, sei es ein Seufzer, ein Schrei oder ein Stöhnen.
Zeitgleich wird Helga Goebbels jüngste Schwester Heide geboren. Da die Mutter durch die Geburt geschwächt ist, werden Helga und ihre vier weiteren Geschwister – Hilde, Helmut, Holde und Hedda – zu Herrn Karnau gebracht, der sich um sie kümmern soll, bis es der Mutter wieder besser geht.
Die Lebensgeschichten der beiden parallelen Erzähler, Karnau und Helga Goebbels, beginnen, sich zu verketten. Meist nur durch doppelte Absätze voneinander getrennt, ist der Roman immer abwechselnd aus der Perspektive Hermann Karnaus und des zu Beginn sieben-, zum Ende des Romans zwölfjährigen Mädchens geschrieben.

Wie das Schicksal der sechs Kinder des Ehepaar Goebbels endet, ist allgemein bekannt: Sie werden im Führerbunker von ihren Eltern selbst oder von angewiesenen Ärzten ermordet. Auf dem Weg dorthin sind die Wege von Karnau und den Kindern im Roman überwiegend getrennt, dennoch begegnen sie sich ab und an wieder. Die Kinder werden größer, der Zweite Weltkrieg tobt immer heftiger. Und je älter Helga wird, desto skeptischer wird sie den Zusagen ihrer Eltern gegenüber, dass ein baldiges Ende des Krieges zu erwarten ist. Skeptisch gegenüber dem Vater, der selten zu Hause ist, der sich später Lügengeschichten für das Radio zusammenreimt, um die Soldaten zu motivieren, der auf Reden schreit, bis ihm die Stimme fast versagt.
Die Stimme. Auch Herrn Karnau begleitet der Roman. Und Herr Karnau wird immer radikaler. Besessen von seinem Projekt, die Stimmen der Menschen zu katalogisieren, wird er aufgrund seines guten Gehörs zum Denunzianten. Er schließt sich forschenden ‚Ärzten’ an, führt Experimente durch, die immer skrupelloser werden, auf der Suche nach dem Ursprung der menschlichen Stimme: An der Front zeichnet er das Röcheln sterbender Soldaten auf, im Verhör das Jammern des verhörten Gefangenen. Und mehr. Krieg und Tod werden zu aufzeichenbaren Klangspektren abstrahiert, jenseits aller moralischen Grenzen. Aber Moral? Reflektiert auf das eigene Handeln wird sie in diesem Roman nie.
Die historische Rahmenhandlung schreitet voran: Die Annexion des Elsass‘, die Rede im Sportpalast 1943 und dann: Der Führerbunker, in dem sich die Wege von Helga und Herrn Karnau wieder kreuzen.

„Flughunde“ ist nur indirekt das, was man einen ‚politischen Roman‘ nennen könnte. Die Augen von Karnau und Helga sehen anders als ein heutiger Leser die damalige Welt wahrscheinlich betrachten würde – und genauso anders beschreiben sie diese Welt auch. Es gibt nur vorsichtig ein aufkeimendes Hinterfragen der Handlungen des Vaters seitens Helga, es gibt kaum Stellungnahmen zur menschenunwürdigen Politik des NS-Regimes seitens Karnau. Die Rassenideologie befürwortet er nicht, da sie für ihn als Stimmforscher ‚reduzierten Stumpfsinn’ darstellt. Und das war es auch schon an Kritik. Sei es bei der „Entwelschung“ des Elsass‘ oder bei der Auswahl der Methoden zur Komplettierung seiner Stimmensammlung, Hermann Karnau ist so sehr Teil des Systems, dass er gar nicht auf die Idee kommt, es zu hinterfragen. Ein Sammler, der für seine Leidenschaft, seine Lebensaufgabe vor nichts zurückscheut. Für Studien, die absurd nichtige Ergebnisse zu erzielen scheinen. Zitat Karnau:

Zum Beispiel werden nur in den seltensten Fällen auf dem nächtlichen Schlachtfeld Konsonanten gebildet, und dann zudem in doch beträchtlichen zeitlichen Abständen. Die Aufmerksamkeit gilt also vordringlich der Vokalkunde.

Ein Sammler, der so sehr Maschine wird, so sehr in seiner vermeintlichen Berufung aufgeht, dass in seinen Beschreibungen manchmal schon das „Ich“ verloren geht:

Bin zu einem Stimmstehler geworden, habe die Menschen an der Front stimmlos zurückgelassen und verfüge fortan nach eigenem Ermessen über ihre letzten Laute, zeichne auf, nehme von jeder beliebigen Stimme einen Teil fort und kann sie ohne Kenntnis des Sprechers einsetzen, auch über dessen Tod hinaus.

Was dem Leser an Stellungnahme zu politischen Zusammenhängen besonders seitens Karnau fehlen mag, ist aber gleichsam eine Stärke des Romans, bezogen auf Helga Goebbels‘ Teil der Erzählung. Denn so wird umso deutlicher, wie wenig die Kinder des Ehepaars Goebbels mit den Machenschaften ihrer Eltern zu tun haben. Umso grausamer erscheinen die Eltern, die ihre sechs Kinder umbrachten, bevor deren Leben noch richtig begonnen hatte. Umso unverständlicher manchmal, dass ein Kind im Krieg überhaupt noch auf irgendeine Art und Weise Kind sein kann. Durch Helgas kindlichen Erzählstil wirken die Handlungen der Erwachsenen umso brutaler.
Und doch: Es bleibt skurril, die Figur Joseph Goebbels fiktiv aus der Perspektive seiner Tochter zu betrachten. Einer der brutalsten Demagogen der deutschen Geschichte wird dargestellt als etwas gefühlskalter Familienvater, der auch ab und an mal während der Märchenstunde den Kindern ‚die Welt erklärt‘:

Hilde fragt: Elsaß, was ist denn damit los?
Naja, sagt Papa. Wie soll man das erklären. Das ist die Gegend hin zu Frankreich. Aber eigentlich ist das ein deutscher Landstrich. Plötzlich gehörte es zu Frankreich, obwohl es doch ganz deutsch ist. Und jetzt gehört es wieder zu unserem Land dazu.

Und während der Sportpalastrede bemerkt Helga:

Papa meint: Das Totalste ist gerade total genug.

Das wirkt streckenweise ungemein verharmlosend.
Sprachlich ist der Roman sehr feinsinnig und bedächtig verfasst. Besonders Karnaus Überlegungen zur menschlichen Stimme und zum Sprechen, zur Interaktion und zum Verstummen, wenn im Lärm der Bombennächte kein Wort mehr gehört werden kann, sind wunderbare Stücke Literatur. Auf der anderen Seite wirken jedoch manche von Helgas Gedanken und Dialogen sehr steif, unpassend und für die Erzählung zurechtgezerrt.
Es bleibt ein fiktiver Roman, der den Leser ein wenig ratlos zurücklassen mag.

Und warum Flughunde? Flughunde, das sind fledermausähnliche Wesen, die Herrn Karnau schon seit der Kindheit begleiten und die Klangwelten wahrnehmen können, von denen das menschliche Ohr niemals hören wird.

Flughunde
von Marcel Beyer

304 Seiten, € 9,99
(broschiert / kartoniert)

ISBN 978-3518391266
erschienen bei Suhrkamp

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