Fridolin Schley: »Wildes schönes Tier«

Durch einen günstigen Zufall hatte ich, nachdem ein längerer Auslandsaufenthalt auf beunruhigende und übereilte Weise zu Ende gegangen war,ohne größeren Bewerbungsaufwand eine Anstellung als Volontär im Lektorat eines angesehenen Buchverlages gefunden.

„Mh“, denke ich, als ich das Buch das erste Mal in Händen halte, „irgendwie kommt dir der Titel doch bekannt vor. Aber woher denn nur?“ Kurz darauf dann die Erleuchtung: Natürlich, genau so wird doch Lulu im Prolog zu Wedekinds gleichnamiger Tragödie angesprochen. Zufall? Nein, wohl kaum, und für mich als Theaterfreund Grund genug, das Buch gleich auf meine Wunschliste zu setzen.

Als ich dann nach knappen hundert Seiten bei der titelgebenden Geschichte angelangt bin, freue ich mich umso mehr – aber nicht etwa, weil eben „Lulu“ thematisiert wird, sondern vielmehr, weil die vorangegangenen Geschichten mich alle nicht so recht erreichen konnten. Es ist unverkennbar, dass Schley ein ganz brillianter Erzähler ist, der mit scharfem Blick beobachtet und es versteht, scheinbar banale Details in den Mittelpunkt zu rücken; leider bleiben einige der sechs Erzählungen dennoch undeutlich und irgendwie auch unerreichbar für mich.

„Wildes schönes Tier“ (also die Erzählung) aber ist ein großartiges kleines Stück Literatur, spannend und scharf formuliert. Die Vorstellung, durch die Lektüre fremder E-Mails stückweise an einem ebenso fremden Leben teilhaben zu dürfen, ist verlockend und gleichzeitig auch gefährlich. Und die Wut, die der Erzähler zum Ende hin auf Lulu, das Objekt seiner Begierde, entwickelt, überrascht kaum, sondern scheint der einzige Weg zu sein, diese kleine Episode abzuschließen.

Außerdem besonders hervorzuheben sind „Die Achte Welt“ sowie „Landerhebung“. Während erstere einen kurzen, in seiner Sentimentalität beeindruckenden Einblick in die Jugenderinnerungen des Erzählers gibt, sticht „Landerhebung“ gerade wegen der extremen Kürze (gerade einmal sechs Seiten!) und des utopischen Szenarios hervor: Eine Stadt, München, die der Natur zum Opfer gefallen ist und zurückerobert wurde – Efeu und Farne in den Straßen, alles überwuchernde Pilze, und mittendrin, als sei nichts Unnatürliches geschehen, Menschen, die wie die Fliegen sterben.

Ich habe Claudia nach der Veränderung nur noch einmal gesehen. Vielleicht hatte ich meinen alten Weg gewählt, hatte sie gesucht wie früher, an der Staatsbibliothek vorbei, wo einem der Geruch sich auflösender Bücher jetzt den Atem verschlägt, die Schellingstraße entlang, und dann standen wir uns gegenüber, ich fragte, wohin gehst du, und sie sagte: nach Hause. In ihrem Gesicht sah ich die Adern unter der durchsichtigen Haut, die wuchernden Brauen verdeckten fast ganz ihre Augen, ihr Haar hatte seinen rötlichen Glanz verloren und hing schwer in verfilzten Wülsten herab. Sie zerfiel. In Flocken schuppte sich ihr die Haut von Gesicht und Armen, wie Verätzungen bedeckten Flechten ihren Hals und die Lippen. Mehr sprachen wir nicht, aber wir gingen auch nicht weiter. Und ich dachte, ja, genau das tut sie, sie kommt nach Hause. Die Stadt vergeht. Das Land holt sich sein Kind zurück.

Allein für diese sechs Seiten lohnt sich der Kauf, ich habe selten so eine klare, konturenstarke Sprache erlebt. Und selbst denjenigen Erzählungen, denen ich nichts abgewinnen konnte, kann ich immerhin eines zugute halten: Ihnen fehlt vielleicht der tragende Bogen, der Moment, in dem sie mich packen – aber sie sind dennoch ein sprachlicher Genuss und lesen sich ganz ausgezeichnet.

Wildes schönes Tier
von Fridolin Schley

144 Seiten, € 8,90

ISBN 978-3833305771
erschienen bei Berlin Verlag

rezensiert von

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.