Peter Weber: »Bahnhofsprosa«

Ich sitze in der Bahnhofshalle im üppig aufwachsenden Gerede, das zum Gebrabbel wird, die Decke entlangufert.

Auch wenn der Titel das vielleicht nahelegt: mit einem Bahnhof haben diese Texte streng genommen nur am Rande und nur ganz wenig zu tun. Zwar ist hier immer wieder von Schienen die Rede, von Zügen und Reisenden und Rolltreppen und Durchsagen; aber das ganze Drumherum, das Peter Weber hier Stück für Stück weiter entwirft, hat mit einem gewöhnlichen Bahnhof in der Konsequenz nur kaum noch Gemeinsamkeit. Diese Texte sind hochgradig beklemmend, sie sind brilliant geschrieben und die Wörter, so scheint es, nur schwer in Zaum zu halten. Realität gibt es nur sehr selten, diese Szenen sind eine geradezu beunruhigende Symbiose von poetisch-märchenhaftem Surrealismus und dunkelstem Science Fiction. Hier wird nicht nur eine große Halle mit Bahnsteigen und Fernverkehr entworfen, sondern vielmehr ein ganzer Staat, ein gigantisches Gesellschaftsgefüge inmitten des stetigen Trubels.

Ohne geübtes Weghören würden wir zugrunde gehen. Oft reagiere ich nur auf Zeichen. Nach der Arbeit entferne ich die Stöpsel, lege mich im Zimmer aufs Bett, lasse den Ohren freien Lauf, sie eilen durch die Stockwerke ins Offene.

Jede Sinneswahrnehmung findet hier Gehör: Weber zeichnet das alles in grellen Farben, flechtet Musik in die Skizzen ein, lässt die Temperatur unterhalb des blanken Hallenbodens ins Unermessliche steigen und deckt in den stillgelegten Schächten Geheimnisse auf, die beinahe Thrillercharakter haben.
Was hier geschieht, ist unglaublich: Ein Kaleidoskop von Zeit und Raum, mit einer sprachlichen Virtuosität vorgetragen, die ihresgleichen sucht. Da sitzt jedes Wort, jedes Adjektiv wirkt wie geschliffen, alles brodelt und gärt, scheint jederzeit kurz vor dem Ausbruch zu stehen.

Ich erwachte frierend, in kaltem Quell, inmitten glucksender Stimmen. Die Kinder waren über kleine Geräte gebeugt, hellwach, tauchten durch schnell wechselnde Bilder, reisten durch unendliches Vergnügen. Ein dunkler, langgezogener Ton bettete die Reisenden murrend, wir flogen, blieben gleichzeitig stehen. Die Erwachsenen lagen matt in den Sesseln, alle Auszubildenden schliefen bei laufenden Bildschirmen mit offenen Augen, sie hatten die Kiefer fallen gelassen, verloren Speichel, eine kühle Flüssigkeit sammelte sich im Mittelgang, stieg zitternd an.

Dieses Buch verlangt dem Leser eine ganze Menge an Konzentration ab, wer sich hier treiben lässt, hat irgendwann einfach verloren, sollte besser immer hellwach sein.
Das ist kein Roman, sondern eine gedankliche Utopie auf höchstem Niveau.

Bahnhofsprosa
von Peter Weber

134 Seiten, € 8,95
(gebunden)

ISBN 978-3518413548
erschienen bei Suhrkamp

rezensiert von

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