Alina Bronsky: »Die schärfsten Gerichte der tartarischen Küche«

Als meine Tochter Sulfia mir sagte, sie sei schwanger, wisse aber nicht, von wem, habe ich verstärkt auf meine Haltung geachtet. Ich hielt meinen Rücken sehr gerade und die Hände würdevoll im Schoß gefaltet.

Ja, das kommt davon, wenn man erst einmal knapp zwei Jahre wartet und anderen Büchern zunächst den Vortritt lässt, da man auf die Taschenbuch-Ausgabe wartet. Dann verpasst man knapp zwei Jahre lang einen verdammt guten Roman. Aber man kann es nachholen. Und das sollte man auch.

Die Handlung des Romans beginnt in den späten 1970er Jahren in der Sowjetunion. Sulfia, die Tochter der Ich-Erzählerin Rosalinda, wird aus heiterem Himmel schwanger. Sulfia hat es nach Ansicht von Rosalinda mit ihren 17 Jahren im Leben zu nichts gebracht und wird dies auch niemals tun, da sie klein, hässlich und dumm ist. Da kein Mann sie freiwillig auch nur anschauen würde, ist Rosalinda sich sicher, dass das Kind das Ergebnis einer unbefleckten Empfängnis ist. Um aber die Zukunft der nichtsnutzigen Sulfia nicht noch aussichtsloser werden zu lassen, indem ihr durch die Schwangerschaft auch noch die Chance auf einen festen Arbeitsplatz als Krankenschwester verwehrt wird, versucht Rosalinda unter Beihilfe der Nachbarin das Kind abzutreiben. Der Versuch schlägt fehl, das Kind wird geboren und – damit Sulfia wenigstens eine anständige Krankenschwester wird – in die Fittiche der Oma übergeben. Und diese Oma hat es in sich. Rosalinda ist skrupellos, wenn es um die Durchsetzung ihrer Vorstellungen geht, ganz besonders im Bereich der Erziehung.

Mit viel schwarzem Humor portraitiert Alina Bronsky eine heillos überzeichnete Großmutter, die von sich selbst behauptet, nur das Beste zu wollen, um am Ende in der Hauptsache ihre eigenen Ziele durchzusetzen.
In Rosalindas Welt ist alles geplant, alles läuft nach ihrem Willen. Während sich die Mitglieder der Familie nach und nach von ihr abwenden, bleibt Rosalinda die alles umfassende Konstante, um deren radikale und korruptionsschwangere Gedankenwelt sich diese Familiengeschichte spinnt. Erzählt wird in kurzen, prägnanten Sätzen, deren rasantes Tempo Alina Bronsky rigoros bis zum Ende hin durchhält. Sehr empfehlenswert!

Die schärfsten Gerichte der tartarischen Küche
von Alina Bronsky

307 Seiten, € 8,99

ISBN 978-3462043921
erschienen bei Kiepenheuer & Witsch


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