Bungalow

Ich war siebzehn, wir durften das Haus nicht verlassen wegen Ozonwarnung, Hitzefrei für Erwachsene, mir gefiel das immer, obwohl die Strahlung uns draußen nach fünf Minuten mit blauer Haut und Tränen in den Augen in die Knie gezwungen hätte.
Charlies Mutter ist alkoholkrank und schizophren. Schon zu Grundschulzeiten muss Charlie sich um sich selbst kümmern, da ihre Mutter zumeist weder die Kraft noch das Interesse daran hat, für ihre Tochter zu sorgen. Für Charlie ist es bittere Normalität, dass sie von ihrer Mutter keine Fürsorge erfährt und dass sie sich auch nicht an sie wenden kann, wenn sie verletzt, verängstigt oder traurig ist. Stattdessen: Häusliche Gewalt und Alkoholismus, Armut, Verwahrlosung und Dreck und die immer schwelende Angst vor gewalttätigen Eskapaden im Rausch. Charlies Vater hat sich schon lange aus der Verantwortung herausgezogen. Nur zu Weihnachten und zum Geburtstag kommt er vorbei, um ein wenig Familie zu spielen und verschwindet dann genauso schnell wieder wie er gekommen ist. In der Grundschule hat Charlie mehr oder minder lockere Freundschaften; bei Iskender, ihrem engsten Freund, ist sie nach der Schule oft zu Hause. Als der Gegenbesuch ansteht, bricht Charlie in Panik aus, weil Iskender einen Einblick in die wahren Abgründe ihres Alltags zu Hause bekommen könnte – doch erstaunlicherweise schafft ihre Mutter es, für Iskenders Besuch genügend Heile-Welt-Theater zu spielen, dass die Illusion eines normalen Lebens zunächst bestehen bleiben kann.

Abseits von dem gelegentlichen Schauspiel ihrer Mutter findet Charlie die Andeutungen einer heileren Welt bei ihren Nachbarn Georg und Maria; sie wohnen im Bungalow gegenüber der Betonmietskaserne, in der Charlie und ihre Mutter leben. Wie besessen beobachtet Charlie ihre Nachbarn zu jeder nur möglichen Gelegenheit, schleicht sich in ihren Garten, versucht, mit ihnen Kontakt aufzunehmen, fühlt sich zu ihnen hingezogen, auch wenn der soziale Graben, der zwischen der Bungalow- und der Sozialwohnungsbau-Straßenseite verläuft, weit tiefer klafft als eine Bordsteinkantenhöhe.
Jeder, der einen Säufer zu Hause sitzen hat oder selber einer ist, kann sich denken, dass aus den Vorkommnissen dieser Nacht keine nennenswerten Konsequenzen gezogen worden sind, weder von mir noch von meiner Mutter noch von Gott oder dem Jugendamt oder von sonst irgendwem, es ging weiter, wie immer.
Helene Hegemanns abgründige Erzählung einer durch Vernachlässigung und psychischer wie physischer Gewalt zerbrochenen Kindheit ist eingebettet in das Setting einer dystopischen, präapokalyptischen deutschen Großstadt kurz vor dem Ausbruch eines großen Krieges, von dem hier und da aus der Retrospektive berichtet wird, dessen Hintergründe aber rudimentär bleiben und als dem Leser bekannt vorausgesetzt werden. Das schafft die bedrohliche Kulisse eines Lebens ohne Perspektive in einer Welt ohne Zukunft, rückt aber auch den Fokus der Erzählung ein wenig zu stark auf ein großes Ganzes, das das eigentliche Drama im Kern dieses Romans unnötig klein werden lässt. Auch Charlies Beziehung zu Georg und Maria steht gerade zu Beginn des Romans unverständlich weit im Vordergrund und überschattet den eigentlichen Kern der Erzählung, bis es auf Seite 47 zum erlösenden „Jetzt also langsam zu mir.“ kommt. Ab dort aber ist „Bungalow“ ein starker Roman über den alltäglichen Überlebenskampf von Menschen am Existenzminimum, von Suchtkrankheit und einer Kindheit ohne einen behüteten Rückzugsort.

Bungalow

288 Seiten, € 23,00, gebunden
Hanser, ISBN 978-3446253179

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Rezensiert von Rike Zierau am 8. März 2021